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Bluttat in New Hartford
Opfer sollte Sünden gestehen und um Vergebung bitten

Word of Life Church in New Hartford: Opfer sollte Sünden gestehen
In diesem Gebäude soll sich die blutige Tat abgespielt haben. FOTO: ap
New Hartford . In den USA soll eine Kirche Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens geworden sein. Haben dort Eltern ihren eigenen Sohn totgeschlagen? Die Polizei geht davon aus. Der Fall weckt traurige Erinnerungen. Von Frank Hermann

Nachbarn hatten sich damit abgefunden, wie gründlich sich die Bewohner des ehemaligen Schulgebäudes von ihrer Umgebung abschotteten. Man blieb unter sich, kaum einer redete mit Außenstehenden, vor neugierigen Blicken schützte eine hohe, dichte Hecke, die sich um das Haus zog wie eine grüne Mauer. Um die dreißig Menschen, Erwachsene und Kinder, lebten an der Landstraße, die die Kleinstadt New Hartford im Bundesstaat New York mit dem Dorf Clayville verbindet, das Leben einer Sekte.

Die Heranwachsenden gingen in keine Schule, sie wurden daheim unterrichtet. Mal waren nachts laute Gesänge und Trommelklänge zu hören, mal loderten auf dem Dach Flammen in einer Feuerschale, rund um Halloween sahen die Nachbarn Männer in schwarzen Regenmänteln draußen Patrouille laufen. Nun ist die "Word of Life Church" in die Schlagzeilen gerückt. In der Kirche sollen Bruce und Deborah Leonard ihren eigenen Sohn zu Tode geprügelt haben. Oder zumindest zugesehen haben, wie ihr Sohn totgeprügelt wurde.

Lucas Leonard wurde 19 Jahre alt, nach Angaben der Polizei muss er stundenlang misshandelt worden sein. Faustschläge und Fußtritte trafen ihn im Magen, in den Genitalien, auf dem Rücken, an den Oberschenkeln. Bewohner der mysteriösen Enklave hatten am Montag, als er nicht mehr atmete, die Notrufnummer gewählt. Im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Lucas‘ 17-jährigen Bruder Christopher fanden herbeigeeilte Beamte schwer verletzt in der zweiten Etage des dreistöckigen Backsteinbaus. Man habe stundenlang nach ihm gesucht, schilderte Michael Inserra, der Polizeichef von New Hartford. Die Bewohner des Hauses hätten sich wie bei einem Schweigegelübde geweigert, den Detektiven zu sagen, wo sie den Teenager finden würden.

Neben den Eltern des toten Lucas wurden vier weitere Mitglieder der "Word of Life Church" als Tatverdächtige festgenommen. Nach den Worten des ermittelnden Staatsanwalts gehen die Behörden nicht davon aus, dass Bruce und Deborah Leonard, er 65, sie 59, ihren Sohn umbringen wollten. Wohl aber hätten sie ihm ebenso wie seinem Bruder ernsthafte Verletzungen zufügen, habe die Sekte die Jungen für irgendetwas bestrafen wollen. Beide, so Inserra, "sollten Sünden gestehen und um Vergebung bitten", im Jargon habe man von Therapie gesprochen.

Wann genau sich die Gruppe in der leerstehenden Schule ansiedelte, dazu gibt es vorläufig nur bruchstückhafte Informationen. Die amtlich beglaubigte Gründungsurkunde der Kirche stammt aus dem Jahre 1995, Bruce Leonard ist darin als Verwalter eingetragen. Angeführt wurde die Sekte von Traci Irwin, einer Frau, die sich von den anderen als "Mutter" anreden ließ. Gemeinsam mit ihrem Mann Jerry züchtete sie Hunde für den Verkauf. Einmal schalteten die beiden eine Annonce, in der sie ihren Vierbeinern einen unschuldigen, kitschigen Spruch in den Mund legten. "Wir sind Teil der Familie von Jerry und Traci und leben im wunderschönen Staat New York." Ihre Tochter Tiffany ist als Pastorin der Kirche ausgewiesen, ihr Sohn Joseph war einer der Schläger, die auf Lucas und Christopher eindroschen.

Der Fall weckt Erinnerungen, etwa an die Splittergruppe des selbsternannten Propheten Warren Jeffs, die "Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage". Jeffs, der die Vielweiberei praktizierte, obwohl die Mormonenkirche, aus der er stammte, sie längst verboten hatte, heiratete 79 Frauen, darunter auch minderjährige Mädchen. Seine Anhänger sperrte er auf einer abgelegenen Ranch regelrecht ein. Wer sich auflehnte, wurde mit monatelangen Zwangsarbeitseinsätzen bestraft.

In der Word-of-Life-Sekte scheint sich alles um erzwungene Buße gedreht zu haben, so hat es ein anonymer Aussteiger dem Sender Times Warner Cable News erzählt. "Wer nicht irgendeine angenommene Missetat bereute, bekam Kirchenarrest. In der Praxis hieß das, er durfte eine Zeit lang mit keinem mehr reden." Es sei ein Mittel gewesen, um absolute mentale Kontrolle ausüben zu können.

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