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Darstellung von Frauen in Kampagnen
Ängstlich, hungrig, krank, tot – Kinder erklären Mode-Fotos

Youtube-Hit: Ängstlich, krank, tot – Kinder erklären Mode-Fotos
Die Kinder werden mit den Fotos konfrontiert. FOTO: Screenshot/Youtube: Yolanda Domínguez
Düsseldorf. Kinderaugen nehmen die Welt bekanntlich viel unvoreingenommener wahr. Diese Tatsache machte sich die spanische Künstlerin Yolanda Domínguez für ein soziales Experiment zunutze: Sie konfrontierte Kinder mit Modefotografien und beobachtete ihre Reaktionen. Von Isabella Schütz-Worszeck

Die Künstlerin filmt, wie die Kinder im Alter von ungefähr acht Jahren auf die Modefotografien reagieren. Unter den Bildern sind Kampagnen berühmter Unternehmen wie Boss, Dolce & Gabbana und Marc Jacobs. Im Verlauf des Videos wird klar, dass Männer und Frauen in den Werbekampagnen erschreckend ungleich dargestellt werden.

Kinder zeigen Mitgefühl für die Models

Das erste Bild zeigt eine am Boden kauernde Frau, die eine Hand vor das Gesicht hält. Die Kinder empfinden Mitleid für das Model: Sie sehe aus, als ob sie Angst habe, kommentiert ein Junge. Es wirke, als ob sie arm sei, meint ein anderer. Ein Mädchen vermutet, dass sie erste Hilfe braucht, ein anderes denkt, sie sei betrunken. Die Stellung des Arms verglichen mit der Schulter kommt den Kindern seltsam vor – vielleicht steckt eine Krankheit dahinter, vermuten sei. "Ich würde meine Mutter fragen, wie wir ihr helfen können", schlägt ein Mädchen vor. Sie fühle sich bestimmt alleine, ängstlich und hungrig. 

Ein weiteres Bild zeigt zwei Männer, die ein weibliches Model in einen Mülleimer werfen. Die Kinder reagieren hier mit Unverständnis – eines der Mädchen wundert sich, wieso die Frau dabei lacht. Ein Junge stellt fest: Entweder die Männer helfen der Frau oder missbrauchen sie.

Die Boss-Modekampagne mit Spielern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat gleich eine ganz andere Wirkung auf die Kinder. Sie sähen wie Helden aus, schwärmt ein Junge. Vielleicht studieren sie an der Universität, vermutet ein anderer, er wolle das später auch tun. Sie sind glücklich, beschreibt ein Mädchen das Foto.

Herren- und Damenmodekampagnen im Gegensatz

Im größtmöglichen Kontrast dazu folgt ein Bild mit mehreren Frauen, die sich streiten – es weckt ganz andere Emotionen bei den Schülern. "Wie in einer Wrestling-Show", beschreibt ein Junge das Motiv. "Ein paar von ihnen sind böse und die anderen Frauen wollen die Polizei rufen", vermutet eines der Mädchen. Ein Junge sagt: "Ich möchte nicht, dass sie kämpfen, sie könnten doch einfach darüber reden!"

Die nächste Männerkampagne weckt wieder ein positives Bild. Die männlichen Models in vornehmen Anzügen wirken auf die Jungs zufrieden und glücklich. Die Männer scheinen in einem erfolgreichen Unternehmen zu arbeiten und einer davon sei der Chef. Ein weiteres Bild eines männlichen Models gleicht einem Superheld.

Die nächste Damen-Kampagne zeigt erneut gewaltvolle Motive, hinter denen die Kinder Streit, Trauer oder gar Angst vor dem Sterben vermuten. Eine Frau, die sich auf den Boden zu legen scheint, gibt ihnen Rätsel auf. Vielleicht ist sie nur müde, vielleicht hat sie aber auch Drogen genommen oder ist krank geworden. Möglicherweise wurde der Boden nass aufgewischt und kein Warnschild hingestellt, sodass sie ausgerutscht ist.

"Vermutlich hat ein Auto sie überfahren."

Die letzten Bilder schockieren die Kinder regelrecht. Zwei Frauen liegen regungslos auf der Straße. Sie sind tot – vermutlich von einem Auto überfahren, vermuten zwei Jungs, nachdem sie sich erstaunte Blicke zugeworfen haben. Auch das letzte Bild vermittelt den Kindern Tod und Krankheit. Eines der Mädchen, das findet, dass die Frau sehr traurig aussieht: "Ich würde sie gerne aufmuntern."

Das Video endet mit der entscheidenden Frage: Sehen nur Kinder die Gewalt, mit der Frauen in Modekampagnen dargestellt werden? Erkennen nur sie, dass die Männer wie Superhelden dargestellt werden, die Frauen dagegen am Boden, leidend, in gewaltbetonten Posen? Yolanda Domínguez zeigt: Dem erwachsenen Betrachter fallen viele der Motive im Alltag gar nicht mehr auf, die ungleiche Behandlung und vor allem die implizierte Gewalt in vielen Fotos vermitteln jedoch eine fragliche Botschaft.

(isw)
 
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