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Erkenntnisse eines Strafrechtsprofessors
Durchschnittsbürger mehr von organisierter Kriminalität bedroht

Autodiebstähle oder Enkeltrick: Organisierte Kriminalität trifft oft Normalbürger
Organisierte Kriminalität richtet sich immer öfter auch gegen Normalbürger. FOTO: 523
Trier. Organisierte Kriminalität spielt sich nicht mehr nur im Verbrechermilieu ab, sondern richtet sich neuerdings vermehrt gegen normale Bürger, wie der Trierer Strafrechtsprofessor Pierre Hauck beobachtet. Zu "neuen Spielarten" jener Kriminalität gehörten etwa "die organisierten Wohnungseinbrüche, unter denen die Bundesrepublik momentan sehr leidet und kaum hinterher kommt", sagte Hauck der Deutschen Presse-Agentur.

Auch Autodiebstähle auf Bestellung, der "Enkeltrick" oder der Internethandel mit gefälschten Medikamenten gingen immer stärker auf das Konto von international organisierter Kriminalität, sagte Hauck. Diese neuen Formen treten demnach neben sogenannte Klassiker wie Drogen-, Menschen- und Waffenhandel in der Halbwelt.

Auch die Strukturen der organisierten Kriminalität haben sich laut Hauck verändert: "Es ist eine sehr dynamische und flexible Kriminalitätsform geworden, die sich durch eine spontane Kooperation von Tätern kennzeichnet", sagte der Professor. "Da wird zum Beispiel ein Transport von illegalen Gütern nach kurzer Ankündigung als Geschäft angeboten, dann wird der Auftrag erteilt, das Geschäft wird durchgeführt und die Struktur ist damit schon beendet." Diese Ad-hoc-Deals seien für die Polizei "furchtbar schwer zu ermitteln".

Früher sei organisiertes Verbrechen "ein traditionell hierarchisch geprägtes Gebilde" mit familiären Strukturen gewesen. "Der Pate hat als Oberhaupt agiert und die Familie für Straftaten instrumentalisiert", sagte Hauck.

Heute dagegen würden Tätergruppen schnell ausgetauscht: "Da gibt es eigens Dienstleistungen dafür - kriminelle Expertise als Geschäftsmodell sozusagen." Nach Schätzungen gingen der Europäischen Union jährlich 670 Milliarden Euro an Steuereinnahmen durch illegale Machenschaften des organisierten Verbrechens verloren, sagte Hauck.

Bei der Internetkriminalität habe sich die Schadenshöhe und die Zahl der Fälle in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht. Tendenz steigend. Neben Straftaten rund um Daten- und Passwortklau nehme auch die digitale Erpressung zu, sagte er. Als Beispiel nannte er Fälle, in denen Nutzer beim Surfen, etwa auf illegalen Seiten, mit Sperrbildschirmen belegt würden - und dann 100 Euro an unbekannte Täter zahlen müssten, damit der Computer wieder freigegeben werde.

Die Bekämpfung von organisierter Kriminalität sei nach dem deutschen Strafrecht schwierig, sagte Hauck, denn das Strafrecht folge "einem Schuldprinzip, das die Bestrafung eines Individualtäters voraussetze". Bei der OK-Bekämpfung dagegen sei eine "Individualtäterbestrafung nicht das primäre Ziel", sondern die Zerschlagung von Strukturen mitsamt illegal angehäuften Geldes.

Daher müsse es in OK-Verfahren verstärkt zur "Vermögensabschöpfung" von individuellem Tätervermögen kommen, fordert der Wissenschaftler.
Nur so könnten Strukturen im Hintergrund eines einzelnen Täters, der rasch ersetzt werde, zerstört werden. Dieses Rechtsinstrument, "das für diese Fälle geschaffen wurde", werde derzeit aber kaum eingesetzt. Hauck schätzt, dass es nicht mal in einem Viertel der OK-Verfahren zur Anwendung komme.

(haka/dpa)
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