Ermittlungsverfahren ausgedehnt: Bad Münder: Staatsanwälte prüfen Vorwürfe des Lokführers
zuletzt aktualisiert: 20.09.2002 - 14:32Bad Münder (rpo). Nach den schweren Vorwürfen des Lokführers, der am Steuer des Unglückszuges von Bad Münder saß, ist das Ermittlungsverfahren von der Staatsanwaltschaft ausgeweitet worden. Der Lokführer hatte mit einer Aussage seine Vorgesetzten schwer belastet.
Das Ermittlungsverfahren sei auf die am Unglücksabend zuständige Fahrdienstleiterin ausgedehnt worden, sagte am Freitag die Sprecherin der Anklagebehörde in Hannover, Jutta Rosendahl.
Der Lokführer des Zuges hatte der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (Freitagsausgabe) gesagt, er habe bereits vor dem Zusammenstoß Bremsprobleme gemeldet, nachdem er beinahe mit einem Personenzug zusammengestoßen sei. Er habe aber trotz seiner Warnung die Anweisung zur Weiterfahrt erhalten.
Nun würden die Aufzeichnungen des Funkverkehrs ausgewertet, sagte die Sprecherin. Bei den Staatsanwälten habe der 34-Jährige bislang keine Angaben gemacht. Ein Bahn-Sprecher wollte sich unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht zu den Vorwürfen äußern.
Unterdessen gab das Landesgesundheitsamt bekannt, dass jeder zehnte der untersuchten Anwohner der Unfallstelle erhöhte Leberwerte aufweise. Sie könnten im Zusammenhang mit einem Kontakt mit dem giftigen Epichlorhydrin stehen, das bei der Explosion eines Kesselwagens ausgetreten war, sagte Sprecher Roland Suchenwirth.
Bisher 300 Tests ausgewertet
Nach Angaben des Gesundheitsamtes Hameln wurden bisher 300 Tests von Bürgern ausgewertet. Zuvor war bei jedem sechsten der rund 400 Rettungskräfte des Unglücks erhöhte Werte festgestellt worden. Ihre Werte sind nach Angaben des Gesundheitsamts Hameln aber nicht Besorgnis erregend.
Welche Gesundheitsgefahr langfristig für die Bevölkerung bestehe, könne erst durch weitere Blutabnahmen und neuartige Epichlorhydrin- Tests genau bestimmt werden, erläuterte Suchenwirth: "Die Hauptaussage wird wahrscheinlich sein, dass wir vielen Menschen ihre Sorgen nehmen können." Zwar gelte der Stoff bei Tierversuchen als Krebs erregend und "diese Ergebnisse sind auf den Menschen übertragbar". Doch sei dies eine Frage der Dosis, sagte der Sprecher.
Nach den Vorschriften hätte die Fahrdienstleiterin den Zug nach der Warnung des Lokführers festsetzen müssen, berichtet die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Kurz vor dem Bahnhof Bad Münder habe das Signal "Halt" gezeigt. Daraufhin hatte der Lokführer nach eigenen Angaben die Schnellbremse gezogen. Die Bremsen hätten auf der abschüssigen Strecke aber nicht gegriffen. Nur die Lok und einige der Wagen hätten gebremst.
Notruf ohne Resonanz abgesetzt
Er habe einen Notruf abgesetzt, jedoch ohne Resonanz. Während sich der Lokführer des entgegenkommenden Zuges kurz vor dem Zusammenstoß mit einem Sprung aus der Lok gerettet habe, habe er sich selbst neben den Führerstand gestellt und die Zusammenstoß abgewartet. Zu dem Zeitpunkt sei sein Zug mit Tempo 53 gerollt.
Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Spiegel" gab es eine Panne bei den Ermittlungen. Unversehrte Waggons seien durch ein Missverständnis zwischen Staatsanwaltschaft und Bundesgrenzschutz abgekoppelt und zur Weiterfahrt freigegeben worden, ehe das Eisenbahnbundesamt (EBA) sie überprüfen konnte, wird ein EBA- Untersuchungsbeauftragter zitiert.
Zum Untersuchen der Bremsanlage wäre aber der ganze Zug im Originalzustand benötigt worden. Die Staatsanwaltschaft wies den Vorwurf zurück. Die Abkopplung sei in Absprache mit dem EBA geschehen. Niedersächsische Mitarbeiter der Bonner Behörde hätten den Zug im Urzustand besichtigt.
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