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Kurz vor "Nine Eleven" geht die Angst um: Bangen vor dem 11. September

zuletzt aktualisiert: 28.08.2002 - 09:55

New York (rpo). Die Terror-Anschläge haben ein tiefes Loch in das Herz New Yorks gerissen. Millionen Touristen bleiben seitdem aus. Nun geht die Furcht vor neuen Attentaten zum Jahrestag der Katastrophe um.

Keiner will darüber reden, niemand weiß Genaues. Wenige Wochen vor "Nine Eleven", wie der Jahrestag der Terroranschläge auf New York und Washington in den USA heißt, geht die Angst um: Ist mit neuen Anschlägen zu rechnen? Wo wird Präsident Bush sein? Kommt er nach New York? Hält er auf Ground Zero, der 16 Hektar großen, zerstörten Fläche in Manhattan eine Rede? Polizei-Offizier Ken Wagner war dabei, als die beiden Türme des World Trade Centers zusammenbrachen und mehr als 3000 Menschen begruben. "Terroristen lieben Jahrestage, um neue Attacken zu inszenieren", meint der 39-Jährige, der zum Gedenken an einen seiner getöteten Kollegen eine Plakette mit der Aufschrift "In Memory of Police Officer James Rice" an der Uniform trägt.

Nachdem er monatelang bei den Aufräumarbeiten geholfen hat, führt Wagner heute ausländische Journalisten an den Rand der "Badewanne", wie die New Yorker das riesige Areal nennen, auf dem einst die beiden Türme standen. Ist es richtig, sich den Ground Zero anzuschauen? Der Auseinandersetzung mit dem Grauen entzieht man sich gerne. Viel angenehmer ist es doch, am Broadway oder die noble 5th Avenue entlang zu bummeln. Fern von Verwüstung, Tod und Terror. Den Süden und Norden Manhattans trennen nur wenige Meilen, und doch sind es zwei Welten.

Gucklöcher im Zaun

"Ich habe am 11. September die Türme brennen gesehen, als ich einen Gast in Little Italy absetzte", sagt der pakistanische Taxifahrer Abdul auf der Fahrt zum Ground Zero, wo sich inzwischen das Gemurmel Tausender Touristen unter den Lärm der Presslufthammer und das Surren der Baukräne mischt. Ein Stahlzaun begrenzt das riesige Gelände. Vereinzelt haben Neugierige Löcher in den Zaun gerissen - nun spähen Besucher hindurch wie Voyeure durchs Schlüsselloch.

Unterirdisch wird fieberhaft die U-Bahn-Linie wieder in Gang gebracht, oberirdisch ist die Gegend gespenstisch verwaist: Schwarz verhüllt das Hochhaus der Deutschen Bank. Auf einem Hügel ein Kreuz aus verrosteten Stahlträgern. Das Sternenbanner flattert in der Gluthitze des Sommers. Wenn der Wind weht, liegt noch immer der Geruch von Verbranntem in der Luft. Der Eisenzaun vor der St. Paul`s Chapel, die wie durch ein Wunder dem Einsturz der Zwillingstürme standhielt, ist übersät mit Blumen, Stofftieren, Flaggen und Fotos von jenen, die in den Trümmern starben. Ringsherum schwirren fliegende Händler, die Touristen Bilder vom WTC und von der Katastrophe anbieten - 28 Stück für 9,99 Dollar. Das Geschäft läuft gut.

Große Gedenkfeier in Manhattan

Erste Konzepte für einen Wiederaufbau entstanden schnell - und wurden ebenso schnell wieder verworfen. Für die Gestaltung der Südspitze Manhattans wurde inzwischen international ein Architekten-Wettbewerb ausgeschrieben. Fest steht: Die Grundrisse der Türme sollen zur Gedenkstätte werden. Aber das wird dauern, meint Keith Yazmir von der Tourismuszentrale. Was den Jahrestag betrifft, rechnet er im ganzen Land mit dem Ausnahmezustand. Mehrere Millionen Menschen werden in Manhattan erwartet. Im Veranstaltungs-Kalender New Yorks findet sich unter Mittwoch, 11. September keine Musical-Premiere, kein Baseball-Spiel, keine Ausstellungseröffnung - stattdessen "Memorial Observation".

New York wirkt in diesen Tagen nicht nur wegen der Hitze wie gelähmt. Die Wall Street rechnet mit einer zweiten Rezession. Die Konjunkturlokomotive in den Vereinigten Staaten kommt nicht in Gang, was die Probleme in der Stadt verschärft. Die Metropole kann den Verlust von fünf Millionen Touristen seit September 2001 nicht wettmachen. Sobald von möglichen Anschlägen in den Medien die Rede ist, registriert Niklaus Leuenberger innerhalb von 24 Stunden mindestens 120 Stornierungen. Der Schweizer Direktor des Peninsula-Hotels an der 5th Avenue kämpft wie all seine Kollegen gegen die Krise. Mehr als 70 000 Hotelbetten gibt es in New York. Zu viele stehen leer, so dass Hoteliers und Restaurants erstmals ein Sommer-Paket mit günstigen Angeboten aufgelegt haben (Infos: ).

Die Flaute ist spürbar. Wie ein grauer Schleier liegt sie über den Straßen: Während ein Fünftel der Büros im Empire State Building aus Furcht vor neuen Anschlägen leer steht, wird im benachbarten New Jersey ein Haus nach dem anderen hochgezogen. Firmen wandern ab, Downtown wird`s leer und schmuddelig. Früher haben sich die fein gekleideten New Yorker darüber aufgeregt, dass sie in der Mittagspause nicht schnell genug über die von Touristen verstopfte 5th Avenue flitzen konnten. Heute - so Leuenberger - merkten sie, dass ihre Stadt ohne Gäste nichts sei.

Das Touristenbüro preist außer den gängigen Attraktionen - Freiheitsstatue, Soho, Broadway, Times Square, Harlem - von denen jeder Erdenbürger zwischen Passau und Peking schon einmal gehört hat, Entdeckungstouren durch Stadtteile wie Queens an: Musikfreunde können auf den Spuren erfolgreicher Jazzmusiker wie Louis Amstrong, Billie Holiday und Ella Fitzgerald wandeln. In Queens, in einer ehemaligen Heftklammer-Fabrik, hat das Museum of Modern Art eine neue Bleibe gefunden. Während das MoMa in Manhattan bis 2004 umgebaut wird, laufen dort sehenswerte Schauen.

Brooklyn, mit mehr als zwei Millionen Einwohnern New Yorks größter Bezirk, ist stolz auf seine Stars Barbra Streisand und Woody Allen. Der Stadtneurotiker lebt immer noch in seinem Viertel mit dem Blick auf die "neue" Skyline und dreht in diesen Tagen mitten auf der 55th Avenue seinen neuesten Film: Er steigt ein in den roten Porsche aus den 60er Jahren, die Klappe fällt, die Szene läuft und das Leben geht weiter - aber anders als vor "Nine Eleven".

Dagmar Haas Pilwat, Monika Liegmann

Quelle: RPO Archiv

 
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