| 08.04 Uhr

Kleve
Bei den Insulanern auf der Schanz

Kleve. Nur rund 90 Menschen leben auf der Halbinsel Schenkenschanz bei Kleve. Man kennt sich, und man hilft sich. Das ist wichtig: Bei Hochwasser ist der Ort abgeschnitten. Von Jörg Isringhaus

Schon die Anfahrt ist ein kleines Erlebnis. Wer nach Schenkenschanz will, muss von Griethausen vier Kilometer am Altrhein entlang über den Deich, links und rechts erstrecken sich Felder, in der Ferne heben sich die Häuser der Halbinsel vom Horizont ab. Wie eine Trutzburg schmiegen sich die Gebäude aneinander, ducken sich hinter eine meterhohe Mauer. Unmittelbar vor der Ortseinfahrt lässt sich dann auch erahnen, wie das Dorf aussieht, wenn der Rhein über die Ufer tritt - dann wird Schenkenschanz zur Insel. Beunruhigen kann das die "Schänzer", wie sich die Bewohner nennen, aber nicht, sagt Claudia Kressin, die dort seit Jahren lebt und arbeitet. "Bei Hochwasser ist es am sichersten auf Schenkenschanz."

Das ist aber erst seit dem Jahr 2000 so. Damals wurde die neue Hochwasserschutzmauer eingeweiht, mit Schotten und zwei massiven Stahltoren, die nichts durchlassen. Besucher passieren das Bauwerk wahrscheinlich eher achtlos, nicht ahnend, welche Bedeutung den stählernen Toren beizumessen ist. Für die Bewohner des Klever Ortsteils sind Mauern und Tore jedoch eine Lebensversicherung. Nachdem der Ort 1995 fast in den Fluten versunken wäre - der Pegelstand von 16,95 Meter ist am Dorfeingang abzulesen - wurde der Entschluss gefasst, sich einzumauern. So dramatisch wie damals ist es aber seither nicht mehr gewesen. "Zum Glück", sagt Kressin. Denn die Fähre nach Düffelward, die einzige Verbindung zum Festland bei Hochwasser, wurde in diesem Jahr aus Kostengründen eingestellt. "Wie soll das jetzt gehen?", fragen sich Kressin und alle anderen Schänzer. "Eine Woche bis 14 Tage kann so ein extremes Hochwasser anhalten. Wir haben hier viele alte Menschen, zu denen dreimal am Tag der Pflegedienst kommt. Und alle Schänzer arbeiten außerhalb."

Die Fähre, beziehungsweise die nicht mehr fahrende Fähre, ist ein Politikum. Das Gesprächsthema im Dorf. Im Ernstfall sollen Boote die Versorgung sichern. Aber die Fähre ersetzen die nicht. "Wir müssen jetzt zehn Kilometer Umweg einkalkulieren, um nach Holland zu kommen", sagt Kressin. "Und was machen die Radtouristen, die sich auf einen Rundkurs gefreut haben?"

Die müssen sich künftig vielleicht mehr mit dem Dorf befassen. Knapp 90 Menschen wohnen noch hier, verteilt auf 27 Häuser. Insgesamt sind es 36, aber fünf stehen leer und vier werden an Urlauber vermietet. Sieben Kinder leben im Ort, der jüngste Schänzer ist drei, der älteste 103 Jahre alt - ist aber im Heim untergebracht.

Marita Janssen kennt noch andere Zeiten. Die 55-jährige Vorsitzende des Heimatvereins ist auf Schenkenschanz geboren. Früher tummelten sich bis zu 300 Menschen dort, die Kinder spielten auf den umliegenden Feldern und Auen. Es gab eine Telefonzelle im Dorf, regelmäßig schaute der Lebensmittelhändler mit seinem Lieferwagen vorbei, ebenso das Sparkassenmobil und der Bäcker. Beim Bauern konnte man frisches Fleisch kaufen. Das ist alles vorbei. Um Vorräte aufzufüllen, müssen die Schänzer runter von der Halbinsel. Oder beim Nachbarn anklopfen. "Zur Not hat der das fehlende Ei", sagt Janssen. Man könne sich aufeinander verlassen, die Nachbarschaftshilfe sei intakt. Die gefühlte Isolation schweißt zusammen.

Natürlich funktioniert das in beide Richtungen. Man müsse auch seinen Beitrag leisten, sich engagieren, erzählt Claudia Kressin, die in den 90ern nach Schenkenschanz gezogen ist. Und bereit sein, etwas Privatsphäre aufzugeben. "Anonymität bekommt man hier nicht hin", sagt sie. Im Gegenteil: Es geht immer wieder um die Hinwendung zum Dorf, darum, es sich möglichst nett zu machen, für alle. Also beispielsweise den eigenen Garten nicht völlig verwildern zu lassen. "Dieses Eingebundensein ist nicht jedermanns Ding", bringt es Kressin auf den Punkt.

Genauso wenig wie die Stille, denn Autos fahren so gut wie keine auf Schenkenschanz, und wenn, dann Schritt. Oder der oft kräftig blasende Wind, der im Winter an den Nerven zerren kann. Und die Begrenzungen, mit denen man auf Schenkenschanz lernen muss zu leben. Offensichtlich werden die erst, wenn man, teils auf der Mauer, um den Ort spaziert. Das geht erstens recht schnell, und zweitens wird augenscheinlich, wie knapp der Platz bemessen ist. "Angebaut werden kann hier nichts mehr", sagt Janssen. Stattdessen besteht die Herausforderung gerade in der Begrenzung. Darin, das Optimale aus dieser Situation herauszuholen, die Grenze nicht als einengend, sondern als bereichernd zu empfinden. Wer das akzeptiere, werde sich auf Schenkenschanz mit Sicherheit wohlfühlen, verspricht Kressin. So wie eine polnische Familie, die sich dort vor Jahren auf der Halbinsel niedergelassen habe. Wenn der Familienvater erkläre, warum er ausgerechnet Schenkenschanz als neue Heimat ausgewählt habe, bekomme man immer wieder denselben Satz zu hören: Er habe nicht gesucht, sondern gefunden.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kleve: Bei den Insulanern auf der Schanz


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.