Mutter schlägt mit dem Rüssel: Berlin zittert um Elefantenbaby Kiri
zuletzt aktualisiert: 07.04.2000 - 08:46Berlin. Angst um Elefanten-Baby Kiri: Einen Tag nach der Geburt des kleinen Dickhäuters im Berliner Zoo musste das Kind gestern von seiner Mutter getrennt und in einem Einzelstall untergebracht werden. Die Elefantenkuh hatte mehrfach mit ihrem Rüssel nach dem Baby geschlagen. Das verstoßene Tier kann sich jetzt nicht von der Muttermilch ernähren, die in den ersten Wochen so wichtig für Tierkinder ist.
Nur durch die Muttermilch erhalten sie wichtige Abwehrkräfte, die die anfälligen Neugeborenen vor Infektionskrankheiten schützen. Für Kiri wäre diese "Impfung" durch die Milch besonders wichtig, weil sein Vater, der Elefantenbulle "Mampe" vor zwei Jahren an einer seltenen Infektionskrankheit gestorben ist. Das Baby wird jetzt von Tierpflegern mit der Flasche aufgezogen.
Warum nimmt die Elefantendame Pang Pha ihr Kleines nicht an? Tierarzt Andreas Ochs vermutet eine fehlende Mutter-Kind-Bindung, weil Pang Pha als Baby selbst mit der Flasche aufgezogen werden musste. "Außerdem war Kiri eine Erstgeburt", ergänzt eine Sprecherin des Berliner Zoos. "Da kommt es häufiger vor, dass Mütter verwirrt sind und nichts mit ihrem Neugeborenen zu tun haben wollen. Auch in der freien Wildbahn treffen wir immer wieder auf dieses Phänomen." In den Steppen Afrikas fühlen sich in den großen Herden dann jedoch Verwandte für die Babys zuständig und passen auf, dass ihnen nichts zustößt. "Es gibt fast immer genug Tanten, die gleichzeitig Kinder zur Welt gebracht haben und deshalb ebenfalls Milch produzieren", so die wissenschaftliche Mitarbeiter des Zoos. "Sie sorgen für das vernachlässigte Neugeborene und haben immer noch eine Portion Milch übrig."
Im Berliner Zoo fällt diese Regelung der Natur weg. Die anderen Elefantenkühe haben das soziale Verhalten der Herde in ihrem Gehege nicht gelernt. Deshalb müssen Tierpfleger die Ersatzmutter spielen. Damit dem kleinen Bullen seine Milch schmeckt, wird die Nahrung auf 37 Grad erhitzt und mit Kokos- und Palm-Öl, Mineralstoffen, Vitaminen und Medikamenten zur Stärkung des Immun-Systems vermischt. So erhält die Milch das typisch süßliche Aroma und schützt den Elefanten gleichzeitig so gut wie möglich vor Infektionen. Alle drei Stunden muss einer der Pfleger dem zutraulichen Dickhäuter, der noch Pflaum auf seiner knittrigen Haut hat, die Flasche geben. Kiri erwartet die Pfleger stets ungeduldig und saugt sich mit seinem Rüssel am Schnuller fest.
Tierarzt Ochs schätzt, dass der kleine Bulle bestimmt ein Jahr lang gesäugt werden muss. "Danach hoffen wir, dass Kiri keine Probleme hat, sich an die anderen Elefanten im Gehege zu gewöhnen", sagt die Zoo-Sprecherin. "Wir werden ihn langsam an seine Artgenossen heranführen, damit sie sich miteinander bekannt machen können." Mit Attacken der Mutter rechnen die Mitarbeiter des Zoos dann nicht mehr, sie wird ihre Aggressivität überwunden haben.
Während Kiri in einem abgetrennten Bereich von den Pflegern aufgepäppelt wird, hat sich seine Mutter schon wieder den anderen Elefanten im Gehege angeschlossen. Die 13 Jahre alte Kuh scheint ihr Kind dort nicht zu vermissen.
Kiri war am Mittwoch als erstes Elefantenbaby seit 62 Jahren im Berliner Zoo geboren worden. Er ist 1,10 Meter groß, wiegt 145 Kilogramm und ist damit durchschnittlich robust für einen zwei Tagen alten Elefantenbullen. Wird Kiri überleben? "Wir wissen noch nicht, ob er über den Berg ist", betont die Zoo-Sprecherin. "Das können wir erst in den nächsten Tagen sagen."
Petra Schiffer
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