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Damm an Bundestraße gebrochen: Bitterfeld trotzt dem Wasser - Lage verschärft sich

zuletzt aktualisiert: 16.08.2002 - 16:52

Bitterfeld (rpo). Nach einer vorläufigen Entspannung hat sich die Lage in Bitterfeld wieder verschärft. Nahe einer Bundesstraße ist ein Damm gebrochen und das Wasser fließt in Richtung Bitterfeld.

Eine Überflutung der Stadt sei jedoch zurzeit nicht zu befürchten, das Gebiet liege tiefer als die Stadt. Hoffnung setzen die Experten auf eine Sprengung im südlichen Bereich Bitterfeldes. Das Hochwasser soll in einen alten Stollen abgeleitet werden.

Die Sprengung stand den Angaben am Freitagnachmittag unmittelbar bevor. Sprengstoffexperten und das Material seien bereits vor Ort. Durch die Sprengung soll das Wasser der Mulde größtenteils an Bitterfeld und dem Goitzschesee vorbei geleitet werden.

Am Nachmittag traf Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber in Bitterfeld ein, um sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen. Begleitet wurde er von Ministerpräsident Wolfgang Böhmer.

Hochwasser in Dresden dramatischer als befürchtet

"Das Hochwasser ist in Dresden noch dramatischer eingetroffen als befürchtet", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) am Freitag in Rostock. "Die letzten Meldungen lassen vermuten, dass unsere Deiche in Boizenburg und Dömitz nicht hoch genug sein werden und möglicherweise 15.000 Menschen evakuiert werden müssen."

Am Nachmittag wollte der Regierungschef an einer gemeinsamen Beratung der Krisenstäbe von Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen in Boizenburg teilnehmen. "Es kommt wohl noch dicker als befürchtet", betonte Ringstorff. "Entscheidend wird sein, wie aufnahmefähig die Überflutungsgebiete in den Elbauen sind."

Auch nach Überschreiten des historischen Rekordpegels der Elbe in Dresden stiegen die Fluten am Freitag unaufhörlich weiter. Die Zahl der Todesopfer erhöhte sich bundesweit auf elf, allein in Sachsen fanden zehn Menschen den Tod. In den Krisenregionen Deutschlands flüchteten Zehntausende vor den Wassermassen. Notfalls wollten die Helfer Häuser mit Gewalt räumen. Unterdessen sollten am Freitag die Finanzhilfen für die Opfer anlaufen, noch immer ist unklar wie viele Milliarden durch die Wasserfluten vernichtet wurden.

Neben der ersten Tranche der von Kanzler Schröder zugesagten 100 Millionen Euro kündigte auch Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) eine zügige Umsetzung des Hilfsprogramms zur Bekämpfung der Hochwasserschäden an. Angesichts der Schäden appellierte die Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, Brigitte Zypries, an die Bundesländer, gemeinsam für die Wiederaufbau-Kosten einzustehen.

Das Hochwasser in Dresden überschritt am Freitagmorgen den historischen Höchststand von 8,77 Metern und stieg bis zum Mittag auf 9,10 Metern. Bis zum Abend wurden sogar 9,60 Meter erwartet. Normal ist ein Pegel von rund zwei Metern. Ein Umspannwerk war von den Fluten bedroht. Angesichts der steigenden Wassermassen evakuierten die Helfer weitere Stadtteile. Betroffen sind nach Angaben des Innenministeriums bis zu 33 000 Menschen. In Dresden hatte die Elbe kurz vor Mitternacht auch den Theaterplatz unter Wasser gesetzt. An ihn grenzen die Semperoper, die Gemäldegalerie Alte Meister und das Schloss. Ein Entspannung war in der sächsischen Landeshauptstadt nicht abzusehen.

Den Hochwassergebieten drohten nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia nach einzelnen Schauern am Freitag am folgenden Tag teilweise heftiger Regen und Gewitter. Zudem sollte der Pegel der Elbe im tschechischen Usti nad Labem (Aussig) nach Berechnungen des Krisenstabes weiter auf 12,20 Meter steigen. Die Wassermassen rollen in Richtung Dresden.

Auch in den anderen betroffenen Regionen Ostdeutschlands herrschte die nackte Angst vor den Fluten. In vielen Städten wurden Evakuierungen eingeleitet oder mit Tausenden Sandsäcken Barrieren errichtet. Weiterer Brennpunkt war Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Dort begannen Helfer mit der Evakuierung von Teilen der rund 16 000 Einwohner zählenden Stadt. Ein Notdeich drohte am Mittag zu brechen. Für die Innenstadt herrschte akute Überschwemmungsgefahr. Auch der Chemiepark könnte überschwemmt werden. Magdeburg und andere Städte rüsten sich gegen die nahenden Fluten.

Auch in Brandenburg hat im Kampf gegen das Elbehochwasser ein Wettlauf mit der Zeit begonnen. In die besonders gefährdete Prignitz wurden zusätzlich 1000 Bundeswehrsoldaten aus Rheinland-Pfalz beordert. Die Stadt Mühlberg war am Vormittag fast vollständig geräumt; 150 Menschen weigerten sich aber noch, ihre Wohnungen zu verlassen.

Insgesamt sind nach Angaben von Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) inzwischen mehr als 5000 Soldaten im Einsatz in den Krisenregionen im Einsatz. "Alles technische Gerät, was wir haben, alle Manpower, die wir haben, wird zur Verfügung gestellt", sagte der Minister.

Die ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, Georg Milbradt und Wölfgang Böhmer (CDU) treffen sich am Samstag in Leipzig mit Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) zur Beratung über die Folgen der Hochwasserkatastrophe. Ferner nehmen der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) sowie derUnionswirtschaftsexperte, Lothar Späth (CDU), teil. Die Regierungschefs mehrerer vom Hochwasser betroffener Staaten wollen an diesem Sonntag in Berlin mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zusammentreffen.

Im tschechischen Usti verschärfte sich indes die Situation. Bis zum Freitagmittag hatten in der Region mehr als 7000 Menschen ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Für eine Chemiekatastrophe in der Elbe gab es zunächst keine Anhaltspunkte. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) schickte angesichts der bedrohlichen Hochwasserlage Chemie-Experten nach Bitterfeld und zur tschechischen Chemiefabrik "Spolana" entsandt.

Quelle: RPO Archiv

 
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