Stoff für Sensationsmedien: Bosporus-Brücke zieht Selbstmörder magisch an
zuletzt aktualisiert: 24.05.2002 - 10:30Istanbul (rpo). Wer schon einmal in Istanbul über die Bosporus-Brücke gefahren ist, wird noch lange von dem herrlichen Ausblick schwärmen. Doch nicht nur dafür ist das Bauwerk berühmt - es übt auch eine magische Anziehungskraft auf Selbstmörder aus.
Türkei-Besucher freuen sich, wenn der Verkehr auf der Bosporus-Brücke in Istanbul ins Stocken gerät. Dann können sie um so länger den einzigartigen Ausblick von der 64 Meter hohen Hängebrücke genießen - aus dem Autofenster. Denn für Fußgänger ist die 1973 eröffnete Brücke verboten. Dennoch ist das luftige Bauwerk, das mit elegantem Schwung Europa mit Asien verbindet, zu einem magischen Anziehungspunkt für Selbstmörder geworden. Allein in den vergangenen 10 Jahren stürzten sich mehr als 100 Menschen vom Geländer in den Tod.
Die meisten kommen mit dem Taxi und springen heraus, wenn der Verkehr wieder einmal nur im Schritttempo vorangeht. Bei einigen geht es schnell. Als die 21-jährige Studentin Esra frühmorgens ihr Auto anhielt, die Türen verschloss und zum Geländer lief, konnten die Polizisten mittels der Überwachungskameras nur hilflos zusehen. Zum Eingreifen blieb ihnen keine Zeit mehr. "Ist das so schwer zu verhindern?", empörte sich tags darauf das Massenblatt "Sabah". Immer wenn sich, wie in diesem Frühsommer, die Todessprünge häufen, entsteht aufs Neue die Debatte, welche zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden könnten.
Leicht zu übersteigendes Geländer
Ausgangspunkt solcher Überlegungen ist stets das gerade einmal hüfthohe und daher leicht zu übersteigende Eisengeländer. Einige fordern ein höheres Geländer. Andere plädieren für Stacheldraht, Glaswände oder Maschendrahtzäune. Psychologen setzen auf die Farbe und würden die graue Brücke am liebsten ganz in Blau gestrichen sehen, um eine "psychische Barriere" zu errichten.
Doch die Straßenverwaltung hat bisher alle Änderungsvorschläge zurückgewiesen. Zusätzliche Gitter oder Drahtzäune kämen sowohl aus baustatischen als auch aus ästhetischen Gründen nicht in Frage. Sie würden das Gewicht der Brücke erhöhen, dem Wind eine größere Widerstandsfläche bieten und das Gleichgewicht der Brücke stören.
Überfordertes Wachpersonal
Andere verlangen, zumindest das mit dieser Aufgabe überforderte Wachpersonal psychologisch zu schulen. "Komm, steck Dir erst einmal eine Zigarette an", so versuchen die Polizisten Zeit zu gewinnen - nicht immer mit Erfolg. Für Schlagzeilen sorgte jüngst ein Taxifahrer, der sich an den Gittern festgeklammert hatte und seine 10 und 14 Jahre alten Töchter zu sehen verlangte. "Spring nicht Papa, wir lieben Dich", flehten die Kinder, woraufhin der in Weinkrämpfe ausbrechende Vater noch ein wenig tiefer absackte und schließlich an Ärmel und Gürtel auf die Brücke zurückgezogen werden konnte.
Eine eher unrühmliche Rolle spielen die türkischen Sensationsmedien, die solche Szenen bedenkenlos in voller Länge präsentieren. Damit würden sie vor allem diejenigen animieren, denen es in erster Linie darum gehe, auf der Brücke eine "Show" abzuziehen, sagen Kritiker - in dem Wissen, dass ihnen der "Auftritt" in den Abendnachrichten garantiert sei. Tatsächlich geht die Zahl derjenigen, die häufig erst nach turbulenten Szenen von ihrem Vorhaben abgebracht werden können, in die Hunderte.
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