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London
Briten wollen Teller zurück

London. In England polarisiert der Trend, in hippen Restaurants auf Porzellanteller zu verzichten. Stattdessen wird in Holzkisten, auf Schiefertafeln oder gar in Filzpantoffeln angerichtet. Kritiker mokieren, dass Stil vor Inhalt rangiert. Von Jochen Wittmann

Jamie Oliver ist schuld. Der englische Starkoch hat eine Mode losgetreten, die immer neue und eigenartigere Blüten treibt. Als Oliver in seinen Restaurants die Rindersteaks nicht mehr auf Tellern servierte, sondern sie auf Holzbrettchen anrichten ließ und die Pommes Frites dazu in Emaille-Bechern reichte, sollte das ursprünglich als Signal für einen ungezwungenen Ess-Stil dienen. Er hatte damit einen Trend ausgelöst, der sich "Casual Dining" nennt und immer mehr Nachahmer bei seinen Kollegen fand. Restaurants überschlagen sich darin, die Coolness von Oliver zu übertreffen und auf langweilige Teller zu verzichten. Und kommen auf ausgefallene Ideen.

Mittlerweile führt die Substitution von traditionellem Essgeschirr zu immer verrückteren Auswüchsen. Ein Pub in der Grafschaft Shropshire serviert das traditionelle britische Frühstück - ein Pfannengericht von Würstchen, Bacon, Spiegelei und manchem anderen Gebratenen - in einer Kohlenschaufel. Autsch. Ein Restaurant in Glasgow präsentiert das britische Nationalgericht "Fish and Chips" in einer Holzkiste. Und wenn der "Afternoon Tea" - eine Auswahl von Sandwich-Variationen und Kuchen - in einem Bücherregal auf den Tisch kommt, dann stöhnen Briten auf: Ist denn nichts mehr heilig?

Die Liste ist endlos: Cocktails im Marmeladenglas. Brotscheiben im Filzpantoffel. Oder in einer Schiebermütze. Auch sehr appetitanregend: Suppe in der Petrischale. Ein Salat auf einer Schieferplatte angerichtet mag ja noch okay sein. Aber in einer Gartenkelle? Oder auf einem Pflasterstein? Oder in einem Blumentopf? Und wenn das Dessert auf einer Badezimmerfliese präsentiert wird, dann weiß man, dass man im falschen Restaurant sitzt.

Das denken sich jedenfalls immer mehr Briten. Ross McGinness startete die Twitterkampagne "We Want Plates" - wir wollen Teller -, weil ihm die deplatzierte Kreativität der Küchenchefs auf die Nerven ging. "Denn", sagt McGinnes, "der Geschmack wird doch zweitrangig. Stil regiert vor Inhalt." Sein Twitter-Account hat mittlerweile über 18 000 Anhänger. Und jeden Tag werden es mehr. Entrüstete Briten laden Fotos von den letzten ausgefallenen Design-Ideen auf der Internetseite "https://twitter.com/wewantplates" hoch. Die schlimmsten Auswüchse tellerloser Arrangements sind Bier in einer Plastikmilchflasche, Würstchen mit Kartoffelbrei im Weinglas und Eiscreme, die man aus einer Zahnpastatube quetschen muss. Da schüttelt sich der Feinschmecker.

"Dieser Trend", sagt Stefan Chomka, Chefredakteur des Magazins "Restaurant", "ist außer Kontrolle geraten. Zuerst machte man es, um ein wenig Theater und Spaß zu haben und um den Kunden etwas mehr als einen weißen Teller zu bieten. Dann artete es aus, und jetzt gilt nicht mehr Funktion folgt Form, sondern Form folgt Funktion." McGinnes hält das Phänomen für eine vorübergehende Mode. "Es ist alles zyklisch", spottet er. "In zehn Jahren wird es auf Twitter eine Seite geben, die ,Wir wollen Holzbretter' heißt, wo Leute Bilder von weißen Porzellantellern hochladen."

Quelle: RP
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