Nutzer "diverser Dienstanschlüsse" des Parlaments ermitteln: Call-Girl-Ring-Spur führt in den Bundestag
zuletzt aktualisiert: 21.06.2003 - 17:27Berlin/Frankfurt/Main (rpo). Die durch die Friedman-Affäre ausgelösten Ermittlungen gegen einen ukrainischen Menschenhändler-Ring ziehen weitere Kreise. Nun überprüft die Berliner Justiz nach einem Bericht auch Spuren in den Bundestag.
Im Rahmen des Verfahrens war der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, der TV-Moderator Michel Friedman, unter Drogenverdacht geraten. Diese Affäre wird zunehmend ein Thema für den Zentralrat selbst.
Die Berliner Staatsanwaltschaft habe angeordnet, die Nutzer "diverser Dienstanschlüsse" des Parlaments zu ermitteln, schreibt das Magazin "Focus". Sie gelten als mögliche Zeugen in dem Verfahren gegen die Menschenhändler. Eine Sprecherin des Bundestages verwies am Samstag für Informationen auf die Berliner Staatsanwaltschaft, von der jedoch keine Stellungnahme zu erhalten war.
Gespräche aus dem Bundestag aufgezeichnet
Laut "Focus" waren bei der Monate langen Überwachung der Telefone von Zuhältern und Prostituierten auch Anschlussdaten und Gespräche aus dem Bundestag aufgezeichnet worden. Friedman war bei dem Ermittlungsverfahren gegen den Menschenhändlerring ins Visier der Fahnder geraten. Bei einer Hausdurchsuchung in Frankfurt fanden die Ermittler drei Tütchen mit Kokainspuren.
Der Drogenverdacht gegen Friedman wird Thema bei der nächsten Sitzung des Zentralrats der Juden Mitte Juli sein - ein Ergebnis dürfe aber nicht vorweggenommen werden, stellte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, am Samstag klar. "Ich stehe bis zur endgültigen Klärung dieser Angelegenheit so wie bisher auch weiterhin uneingeschränkt zu Michel Friedman", sagte Korn, der dem Zentralrat angehört.
Vorwürfe seien "schließlich nicht vom Himmel gefallen"
"Focus"-Informationen, wonach bei der Sitzung Mitte Juli über Friedmans Zukunft im Zentralrat entschieden werden soll, bezeichnete Korn als "Fehlinterpretation". Das Magazin zitiert Korn mit der Äußerung, das Direktorium des Zentralrats wolle "darüber reden, ob Michel Friedman ein geeigneter Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland" sei. Korn habe dem Magazin gesagt, für Friedmans Funktionen im Zentralrat und als Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses würden "höhere Maßstäbe gelten als zum Beispiel für Fernsehmoderatoren".
Der ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, sagte "Focus", er empfinde die Geschichte um Friedman immer noch als "unvorstellbar und unwirklich, obwohl ich weiß, dass sie wahr ist". Die Vorwürfe seien "schließlich nicht vom Himmel gefallen".
Claudia Roth stellt sich hinter Friedman
Nach Beschwerden von Friedmans Anwalt hatte die Berliner Justiz diese Woche eine Informationssperre verhängt. Das Ergebnis einer Haaranalyse sollte vorerst nicht veröffentlicht werden. Für Medienberichte, wonach erste Tests Rückstände chemischer Substanzen in der Probe zu Tage gebracht hätten, gab es keine Bestätigung.
Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Roth (Grüne), stellte sich in der Kokain-Affäre - wie zuvor schon Bundesjustizministerin Brigitte Zypries - vor Friedman. Sie finde die Debatte "heuchlerisch", sagte Roth der "Bild"-Zeitung. "Ich habe nämlich das Gefühl, dass manche die Vorwürfe zu einer Abrechnung mit dem Judentum nützen. Sie wollen mit Friedman die Juden auf die Anklagebank setzen. Das darf nicht geschehen."
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