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Ein Zirkus, der satt macht: Circus Ethiopia hilft Straßenkindern überleben

zuletzt aktualisiert: 07.08.2001 - 09:30

Lübbecke (rpo). Rund 80.000 Straßenkinder gibt es allein in Addis Abbeba, der Haupstadt von Äthiopien. Diesen Kindern eine Perspektive zu geben, das ist das Ziel des "Circus Ethiopia", der in jedem Jahr junge Nachwuchskünstler aufnimmt. Mit diesen geht es dann auf Tour - nach Europa. Auch in Deutschland ist die Truppe unterwegs.

Menschen kann man hoch stapeln, sehr hoch - drei, vier Reihen übereinander. Ganz oben schaut die 14-jährige Leyou von hinten durch ihre eigenen Beine. Während die Zuschauer noch überlegen, wie diese Formation entstanden ist, springen die jungen Artisten des Circus Ethiopia schon ins nächste Kunstwerk. Nur mit ein paar Jonglierkeulen, einer Hand voll kleiner Bälle und einigen Instrumenten faszinieren 35 Kinder und Jugendliche ihr Publikum.

Gadacheu zum Beispiel hat der Circus Ethiopia zum Musiker gemacht. Früher, sehr früh sogar, war er ein Straßenkind. "Mit drei Jahren musste ich auf der Straße leben, ohne Dach, ohne Decke", erzählt der schüchterne Junge nach langem Zögern. Seine Mutter war gestorben, sein Vater verschwunden. Mit zehn Jahren kam er zum Zirkus. "Früher", sagt er, "habe ich mich minderwertig gefühlt, hatte Angst."

Auf seiner Masinku begleitet er jetzt die Auftritte des Zirkus. Dem aus einem Holzkästchen, einem Stock und ein paar Pferdeschwanzhaaren gebauten Instrument entlockt er für unsere Ohren schräg klingende Töne, die schließlich doch zu manchmal mitreißenden, manchmal schwermütigen Melodien verschmelzen. "Ich bin etwas, ich bin ein Musiker", sagt Gadacheu stolz, "kein Bettler mehr."

Europa ist für die Kids aus Addis Abeba immer noch eine fremde Welt. "Die jungen Leute küssen sich hier auf der Straße", staunt Girma, der Jongleur und Seiltänzer. "So was habe ich bisher nur in Filmen gesehen." Nach seiner ersten Landung in Europa sei ihm erst einmal "klar geworden, unter welchen Bedingungen wir in Addis leben". Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Erde.

Gadacheu will hoch hinaus

Allein in der Hauptstadt Addis Abeba leben schätzungsweise 80.000 Kinder auf der Straße vom Betteln. Sie schlafen im Rinnstein, wie Manfred Brand berichtet. Der pensionierte Diakon organisiert die Deutschlandtournee des Circus Ethiopia durch Nordhessen, Ostwestfalen und das südliche Niedersachsen. Geld bekommt er dafür nicht. "Allein schaffe ich das nicht mehr, wir brauchen dringend einen professionellen Manager", sagt Brand, der laufend Termine organisiert, Angebote schreibt, Leuten hinterher telefoniert und den Kindern nebenbei den Vater ersetzt.

Inzwischen ist der vor zehn Jahren gegründetet Zirkus in Addis Abeba eine Institution. Jeden Sommer kommen mehr als hundert Kinder und Jugendliche, die mitmachen wollen. "Nach einem Casting schicken wir die Begabtesten von ihnen erst mal auf unsere Zirkus-Schule", berichtet der stellvertretende Leiter Adam. "Danach werden 30 bis 40 ausgewählt." Der 22-Jährige ist seit neun Jahren dabei und empfindet wie die meisten anderen den Zirkus als sein Zuhause. Obwohl die Zirkuskinder aus vielen Landesteilen und Völkern Äthiopiens kommen, gibt es kaum Konflikte in der Gruppe. "Wir haben doch eine gemeinsame Sprache, den Zirkus", sagt Adam.

Zu Hunderten besuchen auch die Kinder der Hauptstadt die Aufführungen des Zirkus in Addis Abeba. Sie sitzen auf dem staubigen Boden oder auf Bäumen, Eintritt zahlen können sie nicht. So müssen die rund 35 jungen Zirkusartisten von den Einnahmen in Europa leben. Das Geld aus der derzeitigen "Survival-Tour" durch Norddeutschland soll für acht lange Monate reichen.

Einige der Zirkuskinder wie Gadacheu wohnen das ganze Jahr über auf dem Zirkusgelände. Alle bekommen bei Circus Ethiopia mindestens eine warme Mahlzeit, Schulausbildung und medizinische Versorgung. Das ist viel mehr, als ihnen ihre Familien bieten können. Gadacheu übt und trainiert tagsüber. Abends geht er zur Schule. Er will etwas lernen und hoch hinaus, unbedingt.

(Kontakt: Freunde und Förderer des Circus Ethiopia e.V., Manfred Braun, Ulmenweg 1, 32339 Espelkamp, Tel. 05772/8397, Fax 05772/978612, Spendenkonto: 32001349, Sparkasse Minden-Lübbecke, BLZ 49050101. Veranstalter können den Circus Ethiopia für derzeit 5.000 Mark pro Auftritt buchen.)

Quelle: RPO Archiv

 
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