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Blankenberg
Das flüssige Gold der Burgruine

Blankenberg. Wuchtig steht die Burgruine auf dem "blanken Berg". Massiv ziehen sich die Reste der Stadtmauer durch den Ort im Tal der Sieg. Und auf einem kleinen Hang im Süden schmiegt sich ein Rebgarten an. Von Ingo Schmitz

Es ist Gras über die Geschichte gewachsen. Mehr noch: Sträucher und Bäume. Dicht bedecken sie die Hänge entlang der Sieg. So liegt im Dunkeln, was dort über 1000 Jahre hinweg das Leben der Menschen beseelte. Und hätte Walter Keuenhof nicht Schneisen ins Dickicht geschlagen, die Bürger von Stadt Blankenberg wüssten wohl auch heute nichts von der Tradition des Weinanbaus in ihrer Heimat. Dabei hat der ehemalige Lufthansa-Pilot an diese Tradition nicht nur wieder erinnert, er hat sie auch wiederbelebt.

Sanft verfängt sich das Sonnenlicht in dem Glas, das vor Walter Keuenhof steht. Es bringt den feinen Goldton des Weines zum Leuchten. Was so funkelt, ist der ganze Stolz des Winzers. "2016 war ein unglaubliches Jahr", sagt Keuenhof. Einem feuchten Sommer folgte ein sonniger Herbst. Die Traube dankte es mit einem feinen Bouquet und spritziger Frucht. Ein leichter Sommerwein, der die schwere Handarbeit vergessen macht. "Das habe ich so seit 1985 noch nicht gehabt."

1985 - das Jahr, in dem der Pilot im Ruhestand von der Stadt Blankenberg das Grundstück an der südlichen Stadtmauer erwarb, um dort Reben zu setzen. 1100 Jahre zuvor sauste ein Stempel auf eine Urkunde nieder. Das Dokument überstand die Jahrhunderte und ist heute das älteste Zeugnis des Weinbaus an der Sieg. Walter Keuenhof nippt von seinem 2016er Jahrgang - und raubt dem Gegenüber zugleich alle Illusionen. Mit seinem flüssigen Gold hatten die damaligen Weine wohl nicht viel gemein. "Damals goss man nicht Wasser in den Wein, um dem Rebensaft die Kraft zu nehmen, sondern man goss Wein ins Wasser, um das trübe Nass genießbar zu machen", berichtet er. So gehörte der Wein als Grundnahrungsmittel in jeden Haushalt. Die Südhänge an der Sieg waren von den Stöcken übersät. Und die besten Lagen hatte sich die Grafen von Sayn gesichert.

So ging es durch die Wirren der Zeit. Herrscher kamen und gingen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Burg zerstört und geschleift. Napoleon nahm den Bürgern ihren Stolz: die Stadtrechte. Blankenberg wurde Teil des Herzogtums Berg. Nun gingen die schönsten Trauben aus den besten Lagen nach Düsseldorf. Und böse Zungen behaupten, damit setzte der Niedergang des Weinbaus in Blankenberg ein.

In vino veritas - im Wein liegt die Wahrheit: Keuenhof gibt nicht den Düsseldorfern die Schuld. Das Wissen über den Weinanbau habe damals nicht tief gewurzelt. Reblaus und Mehltau hatten leichtes Spiel. Durch stetiges Vererben innerhalb von Großfamilien wurden die Parzellen immer kleiner. Der Weinanbau in Blankenberg, das seit 1954 den Namenszusatz "Stadt" tragen darf, löste sich förmlich auf. 1906 sauste erneut ein Stempel auf ein Dokument nieder. Es bescheinigt: Blankenberg ist nicht mehr "Weinbau treibend". Die Südhänge fallen in einen Dornröschenschlaf, umrankt von Büschen und Bäumen.

Walter Keuenhof dreht den Schlüssel um, eine schwere Holztür öffnet sich. Der Blick wird frei auf zwei Räume. Körbe, Fässer und Keltern, auf historischen Karten sind die winzigen Parzellen dokumentiert - alles, was er und Gleichgesinnte über den Weinanbau in der Region ausfindig machen konnten, ist hier zusammengetragen, im Weinbaumuseum. "Die an der Ahr waren geschickter im Vermarkten", sagt Keuenhof ein wenig neidisch. Immerhin, das Dickicht des Vergessens hat er gelichtet.

Quelle: RP
 
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