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Gelsenkirchen
Dem Waschbären geht's an den Kragen

Gelsenkirchen. Die EU will die Verbreitung sogenannter invasiver, also gebietsfremder Arten eindämmen. Auf der Liste steht etwa der Waschbär. Damit ist auch die Haltung und Zucht in Zoos verboten. Das mache wenig Sinn, kritisieren die Tierparks. Von Jörg Isringhaus

Die Verbreitung des Waschbärs in Europa ist eine Erfolgsgeschichte. Aus nur zwei ausgesetzten Pärchen im Jahr 1934 in Hessen hat sich bis heute eine Population von geschätzten 500.000 Tieren allein in Deutschland entwickelt. Natürliche Feinde kennt der aus Nordamerika stammende Räuber hierzulande nicht, er gilt als Nesträuber und gefährdet Bodenbrüter. "Invasiv" nennt man solche Arten. Sie breiten sich aus, obwohl sie gebietsfremd sind, mit teils erheblichen Folgen für die heimische Flora und Fauna. Die will die EU per Verordnung schützen und hat Einfuhr und Handel, aber auch Haltung und Zucht von zunächst 37 Pflanzen- und Tierarten verboten - betroffen sind damit vor allem Zoos.

"Generell ist der Vorstoß gegen invasive Arten zwar zu begrüßen. Eine Ausweitung des Verbots auf die Zootierhaltung aber macht wenig Sinn", sagt Linda Dommes, Sprecherin des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ). Zum einen sei kein Fall bekannt, in dem eine gebietsfremde Art aus einem Gehege ausgebrochen sei und sich in freier Wildbahn vermehrt habe. Außerdem gehöre es zum pädagogischen Auftrag der Tierparks, über invasive Arten zu informieren - und das gehe am besten am lebenden Exemplar. Zu den von der EU aufgelisteten Tieren zählen auch Nasenbären, Nutrias (Biberratten), Mungos und Muntjaks. Wie genau die Zoos die Haltung künftig handhaben sollen, ist allerdings noch unklar, sagt Dommes.

In der Zoom Erlebniswelt Gelsenkirchen wird darüber aber bereits intensiv nachgedacht. Zehn Waschbären leben dort in der Erlebniswelt "Alaska", darunter drei Jungtiere. "Die waren schneller als die EU-Verordnung", sagt Sprecherin Sabine Haas. Dennoch muss der Zoo ab sofort gewährleisten, dass sich die Waschbären - wie auch alle anderen Tiere auf der EU-Liste, so sie denn in Gefangenschaft gehalten werden - nicht weiter vermehren. Denkbar sind laut Haas mehrere Möglichkeiten: So könne man die Tiere trennen, müsse dafür aber mehrere Gehege haben. Einige Ziegenböcke etwa kämen zur besseren Zuchtkontrolle übergangsweise ins "Kloster". Wahrscheinlich aber werde man die Waschbären-Männchen mangels geeigneter Ausweich-Käfige sterilisieren oder chemisch zeugungsunfähig machen. Und die Tiere eben so lange im Gehege halten, bis sie sterben. Man hoffe darauf, dass die EU noch eine Ausnahmeregelung für Zoos beschließe. Entsprechende Gespräche strebt auch der VdZ an.

Gelöst werden müsste die Problematik der invasiven Arten außerhalb der Zoos, sagt Diplom-Biologin Haas. Dort hätten Pflanzen wie die Herkulesstaude oder der Asiatische Marienkäfer - die auf der aktuellen EU-Liste nicht aufgeführt werden - längst heimische Arten verdrängt. Dieses Rad zurückzudrehen, sei fast unmöglich, erklärt Haas. Laut einem EU-Forschungsprojekt kommen in Europa etwa 10.000 gebietsfremde Arten vor, von denen rund 15 Prozent die europäische Artenvielfalt potenziell gefährden. So hat zum Beispiel das nordamerikanische Grauhörnchen in Großbritannien die heimischen roten Eichhörnchen weitgehend verdrängt. Die Population der Nager wuchs bis heute von 350 ausgesetzten Exemplaren im Jahr 1889 auf mehrere Millionen an. Das Grauhörnchen steht daher auch auf der EU-Liste.

Auch der Waschbär hat sich trotz ständig steigender Abschusszahlen - in NRW erlegten Jäger 2014/2015 mehr als 10.000 Tiere, bundesweit waren es rund 100.000 - immer weiter verbreitet. Sollte einer der nachtaktiven Räuber also aus einem Tierpark entweichen, würde das am Gesamtproblem herzlich wenig ändern. Auch für Zoobesucher bleibt es bei vielen betroffenen Arten beim gewohnten Anblick. Erstens dürfen gestorbene Tiere durch in der Wildnis gefangene ersetzt werden. Zweitens lebt beispielsweise ein Waschbär in Gefangenschaft 20 bis 25 Jahre. Haas: "Dank unserer Jungtiere werden bei uns also wohl noch 2040 Waschbären zu sehen sein."

Quelle: RP
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