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Moskau
Der ewige Clown

Moskau. Oleg Popow begeisterte im Zirkus als poetischer und träumerischer Clown. Nun ist der 86-Jährige gestorben. Von Martina Stöcker

Ein Mann hat sich für sein Picknick ein Sonnenfleckchen gesucht, packt ein Brot und eine Flasche Milch aus und möchte gerade mit dem Essen beginnen, da verschwindet der Sonnenfleck. Der Mann sieht sich um und macht sich an die Verfolgung, hält die Sonnenstrahlen fest, kratzt sie zusammen, fängt sie ein und nimmt sie dann in seiner Tasche mit nach Hause - anfangs ist dieser Sketch komödiantisch, am Ende jedoch berührend und eine Metapher für das Leben.

Die Sonnenstrahlen sind vielleicht die bekannteste Nummer des russischen Clowns Oleg Popow. Und sie zeigte: Die hohe Kunst, andere Menschen zum Lachen zu bringen, versah er stets mit einer Prise Poesie. Der 86-Jährige ist am Mittwoch während einer Tournee im südrussischen Rostow an Herzversagen gestorben, wie russische Agenturen berichteten. Popow sei vor dem Fernseher friedlich eingeschlafen. Er galt als einer der großen Clowns und wurde mit dem Schweizer Grock und dem Spanier Charlie Rivel in einem Atemzug genannt. Der Chef des Leipziger Clown-Museums, Hans-Dieter Hormann, würdigte ihn als einen "stillen, poetischen und träumerischen Clown", der "ohne großes Brimborium" auskam, während andere "immer schriller, immer lauter" geworden seien.

In der Manege spielte Popow die russische Figur des "Iwanuschka", das Pendant zum deutschen Hans im Glück. Im Gesicht trug er nur spärliche Schminktupfer, sein Kostüm bestand aus einer karierten Mütze und einer rotblonden Perücke; zudem trug er eine schwarze Samtjacke, gestreifte und zu kurze Hosen sowie eine Fliege. Er beschränkte sich auf die Pantomime und blieb seinem Vorbild Charlie Chaplin treu, dessen mit Gesten und Mimik vermittelte Späße international verständlich waren. 1960 traf er den US-Amerikaner - und hielt sein Autogramm stets in Ehren. Um zu überzeugen, brauche ein Clown drei Dinge: "Den Geist eines Schriftstellers, das Herz eines Dichters und den Körper eines Athleten", sagte Popow in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Das Wichtigste für einen Clown aber ist es, ein sympathischer und guter Mensch zu sein."

An der Staatsschule für Zirkuskunst in Moskau hatte der junge Mann Ende der 40er Jahre eine Ausbildung begonnen, allerdings nicht als Clown, sondern als komischer Tänzer auf einem durchhängenden Seil. Sein humoristisches Talent wurde zwar erkannt, seine Rolle war aber erst festgelegt, als ein Clown auf einer Tournee erkrankte und er für ihn einsprang. Seit den 1950er Jahren kam er als Hauptclown im Moskauer Staatszirkus bei Auslandstourneen schnell zu internationalem Ruhm. 1981 wurde er mit dem "Goldenen Clown" ausgezeichnet, Fürstin Gracia Patricia überreichte ihm den Oscar der Zirkuswelt in Monte Carlo.

In der Sowjetunion nahm Popow eine unklare Position ein. Das System feierte ihn als Volkskünstler, er war Direktor des Staatszirkus', doch er parodierte auch das Politbüro. Mitglied der Kommunistischen Partei war er nie. "Ein Clown sollte nicht einer Partei folgen, sondern seinem Gewissen", sagte Popow, der nach dem Zusammenbruch der UdSSR mit der Heimat brach und nach Deutschland zog.

Noch am Sonntag hat der 86-Jährige in Rostow am Don seine anrührende "Sonnenstrahlen"-Nummer gezeigt. Drei Tage darauf starb er. Beigesetzt wird Popow wohl in seiner deutschen Heimat Egloffstein. Seit 1991 lebte der Russe mit seiner deutschen Frau in der fränkischen Gemeinde. Aus russischen Artistenkreisen hieß es, er habe in seinem Clowns-Kostüm bestattet werden wollen. Sie werden für diesen vielleicht letzten Clown der großen Zeit des Zirkus' hoffentlich ein sonniges Plätzchen finden. Seine letzte Tour stand unter dem Titel "Möge die Sonne immer scheinen!". Für ihn nun schon.

Quelle: RP
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