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Erdbeben
Der italienische Alptraum geht weiter

Norcia/Rom. Italien kommt nicht zur Ruhe: Wieder bebt die Erde, diesmal ist es eines der stärksten Beben seit Jahrzehnten. Selbst im fernen Rom war der Erdstoß zu spüren. Viele Menschen haben ihre Existenz verloren. Von Julius Müller-Meiningen

Die Piazza San Benedetto in Norcia glich bis vor Tagen einem dieser städtischen Wohnzimmer, wie sie es nur in Italien gibt. Ein von allen Seiten geschützter Platz, ein Palazzo mit schwerem Mauerwerk, ein stolzer Rathausturm, eine prächtige Kathedrale, Bars und Cafés. Am Sonntagmorgen war es mit diesem schon in den vergangenen Wochen beeinträchtigten Idyll endgültig vorbei. Erneut erschütterte ein besonders starkes Erdbeben Mittelitalien. Von mehreren Dutzend Verletzten war am Sonntagnachmittag die Rede, Todesopfer gab es nach bisherigem Stand nicht. Tausende Menschen verloren ihre Behausungen.

Von der Kathedrale in Norcia stand nach dem Erdstoß um 7.41 Uhr nicht viel mehr als die Fassade. Der Rathausturm ist von schweren Rissen gezeichnet und droht herab zu stürzen. Eine weitere Kirche am Platz stürzte teilweise ein. Das italienische Fernsehen zeigte Bilder von schwarz gekleideten Nonnen und Mönchen, die in Panik auf den Platz liefen.

Das umbrische Norcia mit seinen 5000 Einwohnern ist die Heimat des Heiligen Benedikt von Nursia, dessen Statue mitten auf der Piazza steht. Ein Benediktiner-Mönch mit langem Bart, einige Ordensschwestern sowie andere Gläubige knieten in der Morgensonne vor der Statue zum Gebet nieder. Um sie herum Gesteinstrümmer und Verwüstung, Szenen einer Apokalypse.

Nach Angaben von Geologen erreichte das Erdbeben vom Sonntagfrüh einen Wert von 6,5 auf der Richterskala. Sein Epizentrum befand sich zwischen Norcia und der Ortschaft Preci in Umbrien. Der Chef des italienischen Zivilschutzes Fabrizio Curcio sagte, es handelte sich geologisch gesehen um das schwerste Beben in Italien seit der Irpinia-Katastrophe von 1980, als östlich von Neapel knapp 3000 Menschen starben.

Diesmal bebt die Erde bereits seit mehr als zwei Monaten in den Regionen Latium, Umbrien und Marken. Viele Menschen mussten bereits nach dem ersten schweren Erdstoß ihre Wohnungen dauerhaft verlassen.

Am 24. August starben bei einem nächtlichen Erdstoß knapp 300 Menschen in und um Amatrice. Erst vor Tagen, am Abend des 26. Oktober gab es erneut einen heftigen Erdstoß mit einem Wert von 6,1 auf der Richterskala. Und nun erneut ein schwerer Erdstoß, der die bereits seit Monaten geplagten Menschen in der Gegend erneut in Panik versetzte. Diesmal befand sich das Epizentrum 68 Kilometer südöstlich von Perugia in zehn Kilometer Tiefe. Der Präsident der Region Marken sagte, er befürchte bis zu 100 000 obdachlos gewordene Menschen. 15 000 Menschen waren ohne Elektrizität. Weil viele betroffene Gemeinden durch nicht mehr befahrbare Straßen abgeschnitten waren, war die Lage zunächst unübersichtlich.

Dramatische Augenzeugenberichte machten die Runde. "Alles ist eingestürzt", sagte der Bürgermeister des Dorfes Ussita in den Marken. "Ich sehe nur Staub, es ist ein Desaster. Ich habe die Hölle gesehen!" Der Bürgermeister von Castelsantangelo sul Nera wurde mit den Worten zitiert: "Die Erde hat sich aufgetan, überall ist Rauch!" Wie es hieß wurden einige Verletzte aus Norcia per Hubschrauber ins Krankenhaus transportiert. Insbesondere eine 50-jährige Frau verletzte sich bei der Flucht aus ihrer Wohnung schwer. Der Bürgermeister der Gemeinde Amatrice, Sergio Pirozzi, sagte über das Erdbeben: "Das Monster ist immer noch da." Auch in der italienischen Haupttadt Rom war der Erdstoß vom Sonntagmorgen deutlich zu spüren. Die U-Bahn wurde zeitweise gestoppt, mehrere Brücken in der Stadt wurden zu statischen Überprüfungen gesperrt. An einigen Gebäuden in der Stadt taten sich in Folge des etwa 150 Kilometer entfernten Erdbebens Risse auf, so auch in der Fassade der Kathedrale Sankt Paul vor den Mauern.

In entfernten Rom versprach Ministerpräsident Matteo Renzi den kompletten Wiederaufbau der zerstörten Gebäude im Erdbebengebiet. "Wir werden alles wieder aufbauen, Häuser, Kirchen und Geschäfte", sagte Renzi. "Hier geht es um ein Stück italienischer Identität", fügte er hinzu.

Quelle: RP
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