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Party für die Kleinen
Der Kindergeburtstag als Event

Düsseldorf. Die Party des Jahres ist für viele Familien Stress pur. Wo feiern wir, was machen wir - und vor allen Dingen: Welches Motto wählen wir in diesem Jahr? Von Martina Stöcker

Die Ansprüche sind hoch: Eine Fünfjährige feiert ihren Geburtstag auf einem Erlebnis-Bauernhof - mit Ponyreiten, Lagerfeuer und mehr als 15 geladenen Gästen. Die Eltern dürften dafür deutlich über 500 Euro bezahlt haben. Und bei manch einem Erwachsenen stellt sich die Frage: Was kommt dann zum zehnten Geburtstag?

Eltern stehen unter einem großen Druck, etwas Besonderes zu machen, schließlich soll es der schönste Tag des Jahres für das Geburtstagskind werden. Und so stürzen sich viele in Unkosten oder in die Vorbereitung ausgeklügelter Mottopartys, bei denen von der Kuchendeko bis zur Wald-Rallye alles thematisch zueinander passt. Die Verunsicherung darüber, wie man eine Party gestaltet, ist so groß, dass es beim Online-Versandhändler zu "Kindergeburtstag & Ratgeber" fast 1500 Einträge gibt. Im Familienzentrum St. Quirin in Neuss hat Museumspädagogin Sandra Schillings einen Vortrag zum Kindergeburtstag gehalten. "Die Bitte, einen solchen Info-Nachmittag anzubieten, ist von Eltern bei einer Fragebogenaktion ausdrücklich an uns herangetragen worden", sagt dessen Leiterin Anneli Breidenbach. Eltern empfänden offensichtlich einen zunehmenden Konkurrenzdruck, die idealen Gastgeber für die Freunde ihrer Kinder zu sein und ihnen so viel wie möglich bieten zu müssen.

Sandra Schillings, die im Clemens-Sels-Museum auch Kindergeburtstage gestaltet, empfiehlt, zunächst einmal darauf zu hören, welchen Tag sich das Geburtstagskind wünscht. Das hört sich so selbstverständlich an, ist es aber nicht. Für ihre Kinder (vier und sechs) hat sie zuletzt eine Monster- und eine Eiskönigin-Party ausgerichtet. Dafür hat sie altbekannten Spielen einfach einen neuen Namen gegeben. Ihre Erfahrung: "Man kann Kinder mit ganz einfachen Dingen begeistern." Wer keine große Wohnung hat, dem empfiehlt sie, sich zum Beispiel in einem Gemeindezentrum nach einem Raum zu erkundigen. Und die Spiele sollten sich abwechseln, zwischen Ruhe und Aktion.

Sandra Schillings glaubt schon, dass die Eltern heute unter einem größeren Druck stünden. Deshalb boomen Angebote wie Indoor-Spielplätze, Bauernhoftouren oder Partyanimateure. "Es gibt sicher Eltern, die haben Angst beim Kindergeburtstag zu scheitern", sagt die Museumspädagogin. Deshalb geben sie die Planung lieber aus der Hand. "Und wenn etwas schief läuft, sind sie auch nicht verantwortlich." Vielmehr sollten Eltern auch mal wieder richtig mitfeiern, anstatt die Party wie ein berufliches Projekt zu delegieren. "Viele scheuen sich, das Kind in sich zu entdecken und es frei zu lassen", stellt Schillings fest. Dabei müsse sich ein Geburtstag von heute nicht von dem unterscheiden, den die Eltern damals als Kinder gefeiert haben.

Etwas ist allerdings schon neu: Nicht nur das Geburtstagskind bekommt Geschenke, sondern auch jeder Gast: die "Give-away"-Tüten oder das "Mitgebsel". Bei manchen Partys übersteigt der Wert dieser kleinen Gabe den Wert des Geschenks. Ist es nicht so wertvoll, hat es zumindest viel Zeit gekostet. Eine Mutter berichtet, dass ihr Kind von der gastgebenden Mutter einen selbst gefertigten Ton-Topf bekommen hat. "Jeder Topf war mit Namen verziert, darin steckte selbst gebackener Kuchen", erzählt sie. Die Verzierung war auch selbst gepflückt, gedreht und geflochten. Zeitaufwand? Kaum einzuschätzen. "Als kreativ gänzlich unbedarfte Frau will man bei einer solchen Konkurrenz nur noch sterben." Deshalb empfiehlt Sandra Schillings, dass die Kinder bei Spielen Preise (etwa Süßigkeiten, Radiergummis) gewinnen, die sie in einem Tütchen sammeln und als "Mitgebsel" mit nach Hause bekommen.

Früher galt die ungeschriebene Regel, dass pro Lebensjahr ein Kind eingeladen wird. Heute folgt man eher dem Prinzip der Gegeneinladung - jeder Gastgeber muss auch zurückeingeladen werden, egal, wie viel die Kinder miteinander zu tun haben. Das führt zu Massenpartys - mit 25 Gästen beim Geburtstag von Kindergartenkindern. Auch das Schenken hat sich gewandelt: Kinder wünschen sich gezielt Gutscheine von Warenhäusern, um nicht so viele kleine Geschenke zu bekommen und sich alles selber aussuchen zu können. Das ist die Weiterentwicklung des Geschenkkorbs, der bei Spielwarenhändlern befüllt wird. So erinnert das Schenken mehr an eine Bestellung.

Wasserski, Lasertag, Indoor-Spielplatz: Der Kindergeburtstag ist heutzutage meist mit einer Exkursion verbunden. Dann gibt es ein Transportproblem. Weil in ein normales Auto neben dem Fahrer nur vier Personen passen, müssen die Eltern der Gäste als Taxi-Fahrer einspringen. Und ehe man sich versieht, verbringt man den Samstag inmitten einer Kinderparty. Überhaupt: Der Geburtstag als Partytag hat ausgedient. Heutzutage wird am Wochenende gefeiert. Und je nachdem, wie kompliziert die Familienkonstellation des Jubilars ist, gerne auch an mehreren Tagen hintereinander: donnerstags mit den Kindergarten-Freunden, freitags mit Oma Gertrud samt Anhang und samstags mit Opa Werner, weil die beiden sich nicht ausstehen können und nicht aufeinandertreffen dürfen. Selbst bei einem Kronprinzen sind die Feierlichkeiten kürzer.

Quelle: RP
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