Entsetzen nach Schüssen im Internat: "Der Micha kriegt das doch nicht fertig!"
zuletzt aktualisiert: 17.03.2000 - 15:53Brannenburg (AP). Die Pforten der Privatschule "Schloss Brannenburg" sind einen Tag nach der Bluttat eines 16-jährigen Schülers verschlossen. Lediglich in einem Zimmer brennt Licht. Von der Schulleitung ist nichts mehr zu erfahren. "Das müssen sie doch verstehen!" erklärt die Sekretärin. Die Schüler sind schon am Donnerstagnachmittag von ihren Eltern aus dem oberbayerischen Ort abgeholt worden, kurz nach dem der 16-Jährige mit einer großkalibrigen Pistole zweimal auf den Heimleiter gezielt und dann sich selbst in den Kopf geschossen hatte.
Vorerst bleibt die private Realschule geschlossen. Viele der Schüler stehen unter Schock. Noch bangen sie um den 57-jährigen Heimleiter und ihren Mitschüler. Beide liegen mit "massivsten Kopfverletzungen", wie ein Polizeisprecher mitteilte, auf Intensivstationen - der Informatiklehrer in München, der Schüler in Vogtareuth. "Sie sind in einem sehr bedrohlichen Gesundheitszustand", erklärt der Sprecher. Dass sie jemals wieder zur Schule zurückkehren, ist so gut wie ausgeschlossen. Dem Schüler, dem in einem Urintest der Konsum von Cannabis nachgewiesen wurde, drohte schon vorher der Rauswurf.
Der 62-jährige Arno Mende, der im Altenheim von Brannenburg lebt, hat etliche der 94 Schüler kurz nach der Tat getroffen. Wie üblich stand er unterhalb des Schlossberges an der Stelle, wo die Jugendlichen oft ihre Pausen verbringen. Doch diesmal seien sie alle ganz aufgelöst gewesen, berichtet der Rentner. Sie seien in die Telefonzellen gestürzt und hätten ihre Eltern angerufen. Viele der Mädchen konnten laut Mende vor lauter Tränen kein Wort herausbringen.
Als ihm eine Schülerin die Geschichte genauer dargestellt habe, sei er schockiert gewesen. "Einen Haufen Blut" habe sie gesehen, erzählt Mende. "Der Micha?" habe er zurückgefragt, "der Micha kriegt das doch nicht fertig!" Von Drogen oder Gewaltandrohungen an der Schule hat der Rentner nie etwas mitbekommen. "Ich kann mir das alles gar nicht vorstellen!" Die Schüler seien doch alle "in Ordnung". Auch von den über 50 Waffen, die der Vater des Täters in seinem Keller hatte, habe er nie etwas gehört.
Eine Mitarbeiterin des Internats wurde nach eigenen Worten ebenfalls völlig überrascht von der Bluttat: "Das gibt es in Amerika, aber doch nicht hier." Die vorherigen Drohungen des 16-Jährigen habe keiner ernst genommen. Offenbar habe er einem Mitschüler nur gesagt, dass er seinem Lehrer "gerne mal eine mitgeben würde". "Solche Sachen sagen sie schnell mal, wenn sie Wut haben", meint die Internatsangestellte. Meinungsverschiedenheiten zwischen den 13 Erziehern und den Schülern seien jedoch kaum vorgekommen. Das Klima in der Schule sei gut gewesen.
"Verwöhnte Kinder"
In Brannenburg gibt es aber auch andere Meinungen über die Schüler des Internats. In der kleinen Gemeinde im Wettersteingebiet seien sie nicht sehr beliebt, erklärt Siegfried Möller, ein früherer Polizist, der seit drei Jahren in Brannenburg lebt. "Das sind verwöhnte Kinder", sagt er. So zahlten die Eltern monatlich 2.000 Mark für den Schulbesuch, und die Jugendlichen hätten auch immer wieder ihren Reichtum raushängen lassen. Beim Bäcker beispielsweise hätten sie nur so die 100-Mark-Scheine "rübergeschoben". Und beim Supermarkt lasse man sie zum Teil gar nicht mehr rein, weil sie auch schon gestohlen oder sonstigen Unsinn gemacht hätten.
Ein Taxifahrer bestätigt das Negativimage. Auf dem Internat seien doch nur Jugendliche, die an anderen Schulen Probleme hätten und deren Eltern keine Zeit für ihre Kinder hätten.
Nach Angaben des Polizeisprechers aus Rosenheim war die rund 50 Jahre alte Privatschule bisher "unauffällig". Demnach gab es keinerlei Strafanzeigen, auch nicht wegen Rauschgiftdelikten oder Körperverletzungen. Der Täter habe nur einmal einen jüngeren Schüler geschlagen, wie die Schulleitung erklärt habe. Von dem positiven Drogenbefund und seinen Drohungen mit Gewalt habe die Polizei auch erst nach der Schießerei erfahren. Gegen den Jungen und seinen Vater, einen Sportschützen, habe es nie einen Verdacht gegeben.
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