Forschungsstelle für Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik: Deutsche sind sexuell tolerant
zuletzt aktualisiert: 19.10.2000 - 15:34Landau (AP). Von wegen tote Hose: Die Mehrheit der Deutschen ist sexuell ausgesprochen aktiv. Jeder Zweite schläft mindestens einmal in der Woche mit seinem Sexpartner, jeder Dritte sogar noch öfter.
Meldungen über die angebliche Langeweile in deutschen Betten kann der Landauer Sexualwissenschaftler Norbert Kluge daher nicht nachvollziehen: "Unsere Daten sprechen eine andere Sprache." Kurioserweise haben Hausfrauen am häufigsten Sex, wie seine Studie über das Liebesleben der Deutschen im Jahr 2000 ergab: Zwei Drittel machen "es" mindestens einmal wöchentlich. Eher enthaltsam leben hingegen Rentner und Auszubildende: Von ihnen kamen nur 14 beziehungsweise 38 Prozent auf eine wöchentliche Sex-Frequenz.
Zum Thema Sex und Politik fand Kluge folgendes heraus: Wähler der Grünen frönen der körperlichen Liebe weit häufiger als PDS-Anhänger. Während 70 Prozent der Öko-Wähler auf mindestens einmal Sex pro Woche kamen, waren es bei den Sozialisten nur knapp 40 Prozent. Dies sei aber auch auf die unterschiedliche Altersstruktur beider Gruppen zurückzuführen, gibt der Professor zu bedenken.
Auch kommen Menschen, die in Großstädten wohnen, öfter zum Zug als Dorfbewohner: In den Metropolen stiegen rund 60 Prozent der Befragten mindestens einmal pro Woche ins Bett, in Städten unter 20.000 dagegen nur knapp die Hälfte. Von allen Befragten offenbarte ein Viertel, in den vergangenen zwölf Monaten nur alle zwei Wochen oder noch seltener Sex gehabt zu haben. Knapp 17 Prozent hatten in dieser Zeit nur ein Mal oder gar keinen Geschlechtsverkehr.
Beim Thema Sex zeigt sich die große Mehrheit der Deutschen tolerant: Zwei Drittel halten weder Homosexualität noch Selbstbefriedigung für anstößig. Weit über 70 Prozent der jungen Leute unter 40 Jahren akzeptieren beides als selbstverständlich. Dagegen bezweifelte jeder Zweite über 60 Jahre, dass Homosexualität gesellschaftlich immer aufgeschlossener gesehen wird. Die Befragung ergab zudem, dass die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe und Masturbation mit dem Bildungsgrad der Befragten zunimmt, wie Kluge erläutert. "Je höher der Schulabschluss, desto moderner das Verständnis von Sexualität." So sahen drei Viertel aller Befragten mit Abitur oder Studium Selbstbefriedigung nicht als Ersatzhandlung, sondern als eigenständige und lustvolle Form der Sexualität.
Sex ohne Liebe für 90 Prozent undenkbar
Im Bett stehen die Deutschen vor allem auf Kuscheln und Zärtlichkeiten: Gefragt nach den persönlich wichtigsten sexuellen Verhaltensweisen, entschieden sich 60 Prozent für Schmusen, Küssen und Petting. Nur ein Drittel nannte Geschlechtsverkehr an erster Stelle. Dabei zeigten sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Während jeder zweite Mann den Geschlechtsakt auf Platz eins setzte, war dies bei den Frauen nur jede Vierte.
Als Romantiker gaben sich dennoch fast alle zu erkennen: 90 Prozent sagten, Liebe und Sexualität gehörten für sie zusammen. Nur jeder zehnte war der Auffassung, Liebe sei keine entscheidende Voraussetzung für Sex. Ostdeutschen bedeuten Gefühle für den Sexpartner offenbar besonders viel: Sex ohne Liebe konnten sich in den neuen Ländern nur 6,4 Prozent vorstellen, im Westen dagegen fast 12 Prozent.
Die am häufigsten verwendete Verhütungsmethode war bei 42 Prozent der Befragten die Pille, knapp 19 Prozent nannten das Kondom an erster Stelle. Erschreckend war aus Sicht der Forscher, dass viele Menschen mit geringer Schulbildung ganz auf Verhütung verzichten: Fast 19 Prozent der Befragten mit Hauptschulabschluss gaben an, gar nicht zu verhüten. Bei Personen mit Abitur und Studium waren dies nur 7,4 Prozent.
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