Stark erhöhte Blei-Werte in der Theiß: Deutsches Expertenteam nach Bukarest
zuletzt aktualisiert: 12.03.2000 - 18:15Bukarest/Budapest/Berlin (dpa). Nach einem erneuten Giftunfall in einem rumänischen Bergwerk hat die Bundesregierung am Sonntag ein Expertenteam nach Bukarest entsandt. Es soll bei der Bekämpfung der Umweltschäden helfen, nachdem 22 000 Tonnen schwermetall-belastete Bergbau-Reste nach einem Dammbruch beim nordwestrumänischen Bergwerk Borsa in die Theiß gelangt waren. In dem Fluss, der auch durch die Ukraine und Ungarn fließt, wurde eine erhöhte Konzentration von Blei gemessen.
Erst vor knapp sechs Wochen hatte sich nach einer Panne in einer rumänischen Goldmine eine giftige Zyanid-Welle in die Theiß ergossen und fast alles Leben ausgelöscht.
In der Nacht zum Sonntag erreichte die 70 Kilometer lange schwermetallhaltige Schadstoff-Lauge Ungarn. Nach ersten Messungen in der Grenzstadt Tiszabecs, wo die Theiß aus der Ukraine kommend nach Ungarn fließt, lag die Blei-Konzentration knapp über dem Grenzwert, teilte das Umweltschutz-Inspektorat in Nyiregyhaza mit. Wie das Umweltministerium in Bukarest am Nachmittag mitteilte, lag die Schwermetallbelastung in der Theiß nur geringfügig höher als normal. Jedoch liege Blei-Belastung mit 0,187 Milligramm pro Liter mehr als drei Mal höher als nach den Normen der EU zulässig. Dies hätten Messungen am Ort Teceu ergeben, dem Punkt an dem die Theiß rumänisches Territorium verlässt und westwärts in die Ukraine weiterfließt.
Erhöhte Werte, die jedoch unter den EU-Grenzwerten lägen, seien in Teceu außerdem bei Zink, Eisen, Mangan und Kupfer gemessen worden. Das Umweltministerium erklärte erneut, dass die Gewässer in der Unglücksregion Borsa ohnehin von Natur aus mehr Schwermetalle enthielten als anderswo. Daher sei die Wirkung des Unfalls an sich gering. Weder für die Bevölkerung, noch für Flora und Fauna gebe es ein besonderes Risiko, hieß es weiter aus dem Umweltministerium.
Anders als nach dem Auslaufen von 100 000 Kubikmetern Giftbrühe aus dem Bergwerk Baia Mare vor knapp sechs Wochen trat dieses Mal bislang kein Fischsterben ein. Experten verweisen darauf, dass sich Schwermetalle wie Blei, Zink und Kupfer im Flussschlamm absetzen, in der Nahrungskette anreichern und ihre schädigende Wirkung auf Mensch und Natur langfristig entfalten. Nach dem ersten Giftunfall waren hunderte Tonnen tote Fische in der Theiß registriert worden.
Die Bundesregierung schickte am Sonntag ein Expertenteam zur Unterstützung im Kampf gegen die Umweltschäden in Rumänien nach Bukarest. Unter Leitung der Parlamentarischen Staatssekretärin Gila Altmann soll die Gruppe konkrete Hilfsmaßnahmen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit erörtern, teilte das Ministerium mit. Die Regierung hat angeboten, ein mobiles Messlabor des Technischen Hilfswerks zu entsenden.
Das WWF-Auen-Institut hat Sofortmaßnahmen zur Schadensbegrenzung für die Theiß gefordert. Der Schlamm, der sich noch am Unfallort befindet, müsse schnellstmöglich durch einen Damm gesichert werden, damit er sich nicht mit erneuten Niederschlägen ausbreite, hieß es in einer Mitteilung der Organisation am Sonntag. Experten der Umweltstiftung World Wide Fund for Nature (WWF) hatten sich am Samstag vor Ort einen Eindruck von der Lage verschafft.
In Ungarn löste die erneute Verschmutzung der Theiß Verbitterung aus. Sie betrifft nämlich auch den vom vorangegangenen Unglück verschont gebliebenen oberen Theiß-Abschnitt zwischen Tiszabecs und Vasarosnameny, wo der Fluss Szamos (Somes) einmündet, über den die vorangegangene Giftwelle die Theiß erreicht hatte. Diese hatte praktisch alle höheren Lebensformen in der Theiß unterhalb der Szamos-Mündung vernichtet. Fachleute erhofften sich die Regenerierung des beschädigten Theiß-Abschnittes durch die Zuwanderung von Lebewesen aus den verschont gebliebenen Gewässern.
In der von der neuerlichen Verschmutzung betroffenen Region im Nordosten Ungarns wurde unterdessen die Trinkwasser-Entnahme aus der Theiß verboten. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban verlangte, dass notfalls auch unter Aufbietung internationalen Drucks Rumänien dazu "gezwungen" werden sollte, mit Ungarn ein Umweltschutzabkommen zu unterzeichnen, das auch Schadenersatzfragen regelt. Der ungarische Umweltschutzminister Pal Pepo beklagte, von der rumänischen Seite kaum informiert worden zu sein. Das rumänische Umweltministerium wies diesen Vorwurf am Sonntag zurück. Dies seien "unbegründete Spekulationen", sagte eine Sprecherin.
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