Kritik aus dem Ausland: Deutsches Filmteam begleitet Estonia-Expedition
zuletzt aktualisiert: 16.08.2000 - 19:48Potsdam (AP). Die deutsche Filmproduktionsfirma Top Story will eine Tauchexpedition des US-amerikanischen Privatermittlers Gregg Bemis zum Wrack der vor sechs Jahren in der Ostsee gesunkenen Fähre "Estonia" begleiten und dokumentieren. In Schweden, Finnland und Estland sei das Unternehmen wegen Störung der Totenruhe heftig kritisiert worden, berichtet die Berliner "taz" (Donnerstagsausgabe).
Das mit insgesamt 852 Toten in internationalen Gewässern liegende Wrack sei von den Ländern zum Friedhof erklärt worden. Deutschland und die USA seien diesem Abkommen jedoch nicht beigetreten, hieß es.
Top-Story-Redakteurin Jutta Rabe versicherte jedoch, bei dem Vorhaben sollten keine Toten gefilmt werden. Die in der kommenden Woche beginnenden Tauchgänge sollten zur Aufklärung der Unglücksursache beitragen, sagte Rabe am Mittwoch der AP in Potsdam. "Wir erkennen aber nicht an, dass es sich bei dem Wrack um ein Grab handelt", erklärte die Journalistin. Es sei ein Skandal, dass die Leichen der Unglücksopfer auf dem Meeresgrund liegen gelassen wurden. "In jedem Krieg werden größte Anstrengungen unternommen, um Tote zu bestatten. Warum nicht hier?", fragte sie.
Die Produktionsfirma werde die Expedition filmisch dokumentieren und die Videobänder danach "ungeschnitten und unzensiert der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellen", sagte Rabe. Sie räumte allerdings ein, dass mit Fernsehsendern aus acht Ländern über die Ausstrahlung einer Reportage aus dem Material verhandelt werde. Gregg Bemis ist nach ihren Angaben ein international anerkannter Bergungsspezialist und Privatermittler. Er werde das Schiffswrack mit modernster Technologie untersuchen.
"Wir werden die Expedition nicht mit vorbelastetem Blick beginnen", erklärte Rabe. Es gehe nicht darum, eine bestimmte Theorie nachzuweisen, sondern Hinweise auf eine andere mögliche als die offiziell festgestellte Unglücksursache zu finden.
Eine internationale Untersuchungskommission war zu dem Ergebnis gekommen, dass die "Estonia" in der Nacht des 28. September 1994 aufgrund von Konstruktionsfehlern und der zu langsamen Reaktion der Besatzung auf die Notsituation gesunken ist. Diese Version war jedoch schon mehrmals angezweifelt worden. Bemis will unter anderem die Bugklappe nach Beschädigungen untersuchen, die von Sprengstoff stammen könnten. Schottische und niederländische Experten waren zu dem Schluss gekommen, dass Wasser in Hohlräume im Rumpf des Schiffes eingedrungen sein muss.
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