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Prozess gegen terroristische "Sauerland-Gruppe"
  Foto: ddp, ddp
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Prozess gegen Sauerland-Gruppe: "11. September war Maßstab"

VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 22.04.2009 - 15:50

Düsseldorf (RP). Die Islamisten der sogenannten Sauerland-Gruppe sollen Anschläge mit mehr als 150 Opfern in Deutschland geplant haben. Am Mittwoch begann in Düsseldorf der Prozess gegen die mutmaßlichen Terroristen mit einem Eklat. Einer der Angeklagten weigerte sich, sich zu erheben.

Adem Yilmaz sitzt mit verschränkten Armen auf der Anklagebank. Nein, er wird nicht aufstehen. Nicht zum Verhandlungsbeginn und auch nicht bei der Vereidigung der Dolmetscher. "Ich stehe nur für Allah auf", ruft der junge Mann mit dem Vollbart den Richtern zu. Der Vorsitzende Ottmar Breidling ist verärgert. Er droht dem Renitenten mit mehreren Tagen Ordnungshaft.

Yilmaz ist einer von vier Angeklagten im Prozess um die "Sauerland-Gruppe". Die Islamisten sollen Anschläge vom Ausmaß des 11. September in Deutschland geplant haben. so die Anklage. Am Mittwoch begann das Verfahren vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf.

Yilmaz gibt sich Mühe, aufzufallen. Seine weiße Kappe nimmt der ehemalige Kaufhaus-Detektiv nur widerwillig ab. Mal schlägt er die Hand vor sein Gesicht, als eine deutsche Islamforscherin als Sachverständige vorgestellt wird. Mal stellt er sich schlafend, während ein Anwalt spricht. Fritz Gelowicz (29) und Daniel Schneider (23), beides Deutsche, die zum Islam konvertiert sind, wirken dagegen unauffällig. Auch der vierte Angeklagte, der Türke Atilla Selek (24) macht auf den ersten Blick einen harmlosen Eindruck.

Anschläge als Reaktion auf Bundeswehreinsatz in Afghanistan

Die Anklage vermittelt ein anderes Bild. Rädelsführer Gelowicz soll drei Anschläge mit Autobomben geplant haben. Als Ziele wurden danach Gaststätten, Pubs, Diskotheken und der Flughafen Ramstein ins Visier genommen. Dabei sollten Amerikaner und Deutsche getroffen werden. "Wenn jeder von uns 50 tötet und ein paar verletzt, dann haben wir mindestens 150 Tote", soll Gelowicz in einem abgehörten Telefonat gesagt haben. Die Anschläge sollten als Reaktion auf die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan inszeniert werden.

Ihr Handwerk hat die Gruppe in einem pakistanischen Terrorcamp erlernt. Dort werden die Islamisten militärisch gedrillt und erhalten Unterricht im Bombenbau. Aus Wasserstoffperoxid könne gefährlicher Sprengstoff hergestellt werden, erfahren die Kämpfer dort. Die beschließen, den "Heiligen Krieg" nach Deutschland zu bringen. Doch die National Security Agency (NSA), ­der Geheimdienst der USA, der auf Abhöraktionen und auf die Entschlüsselung von Daten spezialisiert ist, ­liest die E-Mails aus dem Ausbildungslager mit. Die Amerikaner informieren den befreundeten Bundesnachrichtendienst über ihren Verdacht.

Fahnder über jeden Schritt der Gruppe informiert

In Deutschland können die E-Mails schnell Personen zugeordnet werden. Die Bundesanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren ein. Fahnder des Bundeskriminalamts sind nun über jeden Schritt der Islamisten informiert. Sie verwanzen das Ferienhaus, das die Gruppe im sauerländischen Medebach mietet. Sie sind dabei, als Yilmaz und Schneider sich in Dortmund mit Elektroartikeln für den Bau der Zeitzünder eindecken. Das Wasserstoffperoxid hatten sie zuvor bereits durch eine harmlose Flüssigkeit ausgewechselt.

Am 4. September 2007 wollen die Fahnder nicht länger abwarten und greifen zu. Daniel Schneider versucht zu fliehen, doch ein Polizist kann ihn stellen. In einem Handgemenge gelingt es Schneider, dem Beamten die Pistole zu entreißen. Es löst sich ein Schuss, der den Polizisten knapp verfehlt. Der 23-Jährige muss sich deswegen auch wegen versuchten Mordes verantworten.

Diskussion um Einsatz von Geheimdienstinformationen

Das Gericht hat für den Prozess 40 Verhandlungstage angesetzt. Zeugen sollen beleuchten, was die beiden deutschen Angeklagten dazu brachte, zum Islam zu konvertieren. Was machte sie zu Gotteskriegern? Welche Rolle spielt die terroristische "Islamische Dschihad Union" als Drahtzieher? Die Verteidiger bezweifeln die Verwertbarkeit wichtiger Ermittlungsergebnisse. Wurde ein Belastungszeuge in Usbekistan durch Folter gefügig gemacht? Der US-Geheimsdienst habe seine Informationen auf illegalem Weg erworben, hieß es gestern. Auch die Rolle von V-Männern sei undurchsichtig.

Bundesanwalt Volker Brinkmann verteidigt die Nutzung von Geheimdienstinformationen. Ohne die Erkenntnisse der Dienste komme man im Kampf gegen den Terrorismus nicht aus, bekräftigt der Ankläger. Die Angeklagten hätten abgeschottet und konspirativ agiert. Sie meldeten unter fiktiven Namen E-Mail-Adressen an und richteten "tote Briefkästen" ein. Oft verschafften ungesicherte W-Lan-Verbindungen Zutritt ins Internet. Gegen den Chemikalienhändler, der die Islamisten beliefert hatte, ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt wegen Beihilfe zu Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens. Die Mischung, die die "Sauerland-Gruppe" anrühren wollte, hätte eine Sprengkraft von 410 Kilogramm TNT gehabt.

Quelle: AP

 
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