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  Foto: Stade/Kempner
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Früher Abitur-Stress: 50-Stunden-Woche für Schüler

VON BIRGITTA RONGE - zuletzt aktualisiert: 20.10.2008 - 07:20

Kleve/Solingen (RP). Die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre bis zum Abitur fordert den Schülern der unteren Klassen derzeit viel ab: Mit Hausaufgaben, Projekten und Sport sind bis zu 50 Wochenstunden keineswegs die Ausnahme. Für Freunde und Hobbys haben viele Kinder keine Zeit mehr.

Der Montag ist der schlimmste Tag in der Woche. Das sagt Anna Berg, elf Jahre alt. „Da haben wir nachmittags noch Musik und Geschichte, da kann man sich gar nicht mehr konzentrieren.“ Das Mädchen besucht die sechste Klasse des Gymnasiums Vogelsang in Solingen. 32 Unterrichtsstunden hat sie in der Woche – mit der freiwilligen Chor-Stunde sind es 33. Doch die will Anna nicht aufgeben, „dafür macht das Singen zu viel Spaß“. An zwei Nachmittagen in der Woche hat sie außerdem Karate und Badminton-Training.

33, 34 Wochenstunden sind in den unteren Klassen der Gymnasien die Regel geworden. Seit der Verkürzung der Schulzeit, die nach zwölf statt bisher 13 Jahren zum Abitur führen soll, haben die Schüler noch mehr zu tun. Der Unterricht dauert an manchen Tagen bis in den Nachmittag. Kommen die Kinder nach Hause, stehen die Hausaufgaben an. Das kann leicht zu einer 50-Stunden-Woche führen – die man keinem Erwachsenen zumuten würde. Für die Schulzeitverkürzung wurden in NRW 265 Wochenstunden – darunter fünf Förderstunden, die nicht alle Kinder in Anspruch nehmen müssen – auf die übrigen acht Schuljahre verteilt, der Unterrichtsstoff ausgedünnt und die Lehrpläne überarbeitet. Manches verdichtete sich: So beginnen die Schüler nun etwa in Klasse 6 mit der zweiten Fremdsprache statt wie bisher in Klasse 7.

Felix Albers (13) aus Kleve gehört zum ersten Jahrgang der G8-Schüler in NRW. Er bringt es am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium auf eine 34-Stunden-Woche. „Für die Hausaufgaben brauche ich eine bis anderthalb Stunden“, erzählt Felix. „Richtig stressig wird es erst, wenn wir Referate vorbereiten oder für Klassenarbeiten lernen müssen.“ Dazu kommen Hobbys, auf die der Junge nicht verzichten will: „Mittwochs habe ich Tennis, donnerstags Fußballtraining“, sagt Felix.

Seine Mutter Antje Albers sieht die Schulzeitverkürzung kritisch: „Die Kinder müssen ihren Tagesablauf sehr gut strukturieren, um Schule, Hobbys und Freunde in Einklang bringen zu können.“ Sie habe noch Glück, dass Felix mit den Hausaufgaben gut zurechtkomme, „aber für viele Kinder, die sich schwer tun, ist G8 ein hartes Brot“.

Und noch eine Sorge treibt sie um: „Felix wird 2013 mit dem Jahrgang, der das Abitur regulär nach 13 Jahren baut, die Schule verlassen – es werden also doppelt so viele Anwärter auf Studien- und Ausbildungsplätze sein wie sonst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle dabei gut wegkommen.“ Antje Albers ist Vorsitzende der Schulpflegschaft, auch bei den Eltern wird das Thema G8 häufig diskutiert. „Viele Eltern klagen, dass die Kinder mit Hausaufgaben überlastet sind.“

Die Sorgen der Eltern nehme man sehr ernst, sagt Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands NRW. „Es liegt an den Gymnasien, den Eltern zu zeigen, dass über Förderangebote und Nachmittagsbetreuung viel getan wird, um die Kinder nicht zu überfordern“, sagt Silbernagel. Die Gymnasien sind verpflichtet, in den Klassen 5 und 6 nur an einem Nachmittag Unterricht zu erteilen, in den Klassen 7 und 8 an zwei Nachmittagen. Für Felix bedeutet das: Zwei Mal in der Woche dauert der Unterricht bis viertel nach drei. Rücksicht auf die Schüler nähmen die Lehrer selten: „Viele interessiert es nicht, dass wir in anderen Fächern schon viel aufhaben, nur das eigene Fach ist für sie wichtig.“ Sylvia Strubelt, Verbindungslehrerin bei der Landesschülervertretung NRW, kritisiert die Menge der Hausaufgaben, die mit G8 zugenommen habe. Viele Schüler seien überlastet, weil Lehrer den Druck, der durch Schulzeitverkürzung und Zentralabitur entstehe, an die Schüler weitergeben. Oftmals dienten Hausaufgaben nicht der Vertiefung des Stoffes, sondern ergänzten den Unterricht. Müssten Schüler der fünften und sechsten Klassen regelmäßig länger als anderthalb Stunden Hausaufgaben machen, machten die Lehrer etwas falsch.

Die elfjährige Anna aus Solingen ist zu einer kleinen Zeit-Managerin geworden: „Wenn ich mich mit den Hausaufgaben beeile, kann ich mich dienstags oder mittwochs mit Freunden treffen. Aber wenn die anderen länger für die Hausaufgaben brauchen, klappt das oft nicht.“ Ihrer Mutter Elke Berg tut das Mädchen oft leid, „da bleibt doch die Kindheit auf der Strecke“. Eigentlich sei das mit der Schulzeitverkürzung „ziemlich doof“, findet Anna. „Wenn ich entscheiden dürfte, hätte ich lieber ein Jahr dazu.“

Quelle: RP

 
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