Berlin (RPO). Ein neuer Skandal bei der Bundeswehr kommt ans Licht: Ein Soldat hat sich beim Wehrbeauftragten des Bundestags, Reinhold Robbe, über entwürdigende Mutproben und Aufnahmerituale bei den Gebirgsjägern in Mittenwald beschwert.
Soldaten mussten demnach bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber essen, um in einer internen Hierarchie aufzusteigen. Dies schreibt Robbe in einem Brief an den Verteidigungsausschuss, der am Dienstag der Nachrichtenagentur DAPD in Berlin vorlag.
Zuvor hatte die "Süddeutsche Zeitung" über die Vorgänge in der bayerischen Truppe mit Standort nahe der österreichischen Grenze berichtet. Robbe sagte dem Blatt, es gehe um eine "Angelegenheit von offenbar größerer Dimension", der mit Nachdruck und Priorität nachgegangen werden müsse.
Der Presseoffizier der zehnten Panzerdivision in Sigmaringen, Peter Wozniak, sagte DAPD, man nehme den Vorfall sehr ernst und werde "streng und ohne Toleranz gegen Gesetzesverstöße einschreiten". Unmittelbar, nachdem man am 4. Februar über die Eingabe informiert worden sei, habe man mit den Ermittlungen begonnen. Man prüfe disziplinarische und strafrechtliche Konsequenzen.
Unterschiedliche Angaben über Wissen der Vorgesetzten
Die Beschwerde ging Ende Januar bei Robbe ein und stammt von einem ehemaligen Wehrpflichtigen. Demnach existiert bei den Gebirgsjägern des Bataillons 233 unter den Mannschaftsdienstgraden schon seit den 80er Jahren eine interne Hierarchie, genannt "der Hochzugkult". In diesem sei man zunächst drei Monate "Fux" und müsse für die "Cheflage" spülen und putzen. Aufsteigen könne man nur, wenn man verschiedene Aufnahmerituale bestehe.
So musste sich der Soldat im Sommer 2009 zwei Tage lang außerhalb der Dienstzeit anstrengenden Prüfungen stellen und dabei große Mengen Alkohol trinken. Dabei würden Soldaten auch gezwungen, rohe Schweineleber und Rollmöpse mit Frischhefe zu essen. Die Frischhefe bewirke, dass sich die Betroffenen innerhalb kürzester Zeit heftig übergeben mussten. Auch seien Soldaten gezwungen worden, sich vor Kletterübungen vor den versammelten Kameraden zu entkleiden.
Vorgesetzte schritten nicht ein
Die Vorgesetzen waren laut der Beschwerde über alles informiert, schritten aber nicht ein. Robbe schreibt an den Ausschuss, erste Informationen des zuständigen Divisionskommandeurs hätten die Eingabe des Soldaten "im Wesentlichen" bestätigt. Die Rituale hätten sich offenbar über die Jahre herausgebildet und immer weiter gesteigert.
Wozniak sagte der DAPD jedoch, die Vorgesetzten hätten von dem Vorfall vom Juni 2009 keine Kenntnis gehabt. Es seien ältere Mannschaftsdienstgrade beteiligt gewesen, darunter auch ehemalige Soldaten.
In seiner Mitteilung an den Verteidigungsausschuss spricht Robbe von Aufgaben, die zum Teil "als erniedrigend und herabwürdigend" anzusehen seien. Auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wurde inzwischen informiert, wie Robbe schrieb.
Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, sagte er der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung": "Wenn sich die Berichte so bestätigen, hat sich das Koordinatensystem bei dem einen oder anderen verschoben. Ich warne aber davor, das auf die ganze Truppe zu übertragen. Aufgrund solcher Vorgänger ein allgemeines Bild zu zeichnen, ist nicht zulässig."
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Quelle: apd/felt