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Zahl der Arztbesuche auf Rekordhöhe: Acht Minuten pro Patient

zuletzt aktualisiert: 19.01.2010 - 16:42

Berlin (RPO). Die Zahl der Arztbesuche in Deutschland hat einen neuen Rekord erreicht. Jeder Krankenversicherte geht im Schnitt 18 Mal im Jahr zum Arzt, wie die neue Groß-Kasse Barmer GEK ermittelt hat. Danach haben die Ärzte gerade einmal acht Minuten Zeit für jeden Besucher. Die Folgen sind teuer. Und am Ende fatal für den Patienten.

Die Barmer GEK hatte für die Untersuchung die ambulanten Daten von 1,7 Millionen Versicherten der ehemaligen Gmünder Ersatzkassen (GEK) aus den Jahren 2004 bis 2008 ausgewertet und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

Zentrale Aussage der Expertise: Die Zahl der ärztlichen Behandlungen in Deutschland ist abermals gestiegen. Der Arztreport zur ambulanten Versorgung wurde am Dienstag in Berlin vorgestellt. Im Jahr 2007 lag der Schnitt noch bei 17,7 Arztbesuchen, 2004 bei nur 16,4. Zum Vergleich: In den USA wurden dem Bericht zufolge 2006 nur 3,8 Arztbesuche pro Kopf und Jahr registriert.

Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Sehstörungen

Die Deutschen gehen demnach immer öfter zum Arzt. Aber sind sie auch häufiger krank als in den Vorjahren? Daten aus dem vergangenen Jahr ließen sogar eher auf das Gegenteil schließen. In den deutschen Betrieben hatte der Krankenstand in den ersten neun Monaten 2009 den drittniedrigsten Stand seit Einführung der Statistik im Jahr 1970 erreicht.

2008 suchten 92,9 Prozent der Bundesbürger mindestens einmal ärztlichen Rat. Zu den häufigsten Diagnosen zählen Rückenschmerzen (26 Prozent), Bluthochdruck (25,4) und Sehstörungen (21,5). Rund 57 Prozent der Patienten suchten mindestens vier Ärzte auf.

Aus Sicht der Krankenkasse handelt es sich zumindest bei einem Teil der insgesamt rund 1,5 Milliarden Arztbesuche bei rund 140.000 niedergelassenen Medizinern um "Drehtüreffekte und Doppeluntersuchungen". Diese Schlussfolgerung zog am Dienstag der stellvertretende Vorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker bei der Präsentation der Studie.

224 - 45 - 8

Möglicherweise ist die steigende Zahl der Arztbesuche aber auch nur eine Folge des Fließbandbetriebs in deutschen Arztpraxen. In Zahlen: durchschnittlich 224 Patientenkontakte pro Woche, 45 Patienten pro Werktag und ein Zeitkontingent von acht Minuten pro Patient. Im internationalen Vergleich sei die Frequenz doppelt so hoch wie in anderen Ländern, heißt es in der Studie. Barmer-GEk-Vize Schlenker schlussfolgert daraus: Ließen sich die Ärzte bei den einzelnen Patienten mehr Zeit, wären sicherlich etliche Folgetermine überflüssig.

Die Barmer GEK interpretiert die Zahlen als Indiz für ein starkes Gesundheitswesen, verfolgt aber den Trend zum häufigen Arztbesuch mit Sorge. Sie drängt auf eine bessere Steuerung der ambulanten Versorgung durch die Politik. Auch die Praxisgebühr von zehn Euro gerät in die Kritik. Sie erfüllt offenkundig nicht ihren Zweck, die Deutschen vom allzu häufigen Arztbesuch abzuhalten. Eine Abschaffung sieht die Barmer GEK jedoch skeptisch. Mit knapp zwei Milliarden Euro pro Jahr habe sie ein Volumen erreicht, das schwer ersetzbar sei. Wer die Gebühr abschaffen wolle, müsse sagen, woher die Einnahmen sonst kommen sollten.

"In der Sackgasse"

Auch die grundsätzlich sinnvolle hausarztzentrierte Versorgung stecke "in der Sackgasse", so der Kassenmanager. Bei diesem Modell verpflichten sich Patienten, zuerst zu ihrem Hausarzt zu gehen und sich von diesem zu Fachärzten überweisen zu lassen. Dadurch sollen unter anderem unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden.

Um die Hausarztversorgung gezielter zu steuern, müssten Schenker zufolge künftig direkte Vereinbarungen zwischen Krankenkassen, Hausarztverbänden und Kassenärztlichen Vereinigungen möglich sein. Offen zeigte sich Schenker auch für Vorschläge der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), durch eine bessere Kooperation zwischen niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern und Kassen die ärztliche Versorgung auf dem Land etwa durch tageweise Sprechstunden von Allgemein- und Fachärzten zu verbessern.

Quelle: AP/AFP/pst

 
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