Berliner Amoklauf: Zahl der Verletzten bei 35: Aids-Angst! Messer-Opfer bekommen HIV-Medikamente
zuletzt aktualisiert: 28.05.2006 - 17:41Berlin (rpo). Der Amoklauf eines 16-Jährigen in Berlin - alle Opfer leben, aber die Todesangst bleibt: Einer der ersten Verletzten der Messerattacke ist HIV-positiv. Eine Übertragung des gefährlichen Virus auf die im Anschluss angegriffenen Menschen ist nicht ausgeschlossen. Die Opfer bekommen HIV-hemmende Medikamente. Wegen der Aids-Warnung haben sich nachträglich weitere Opfer gemeldet. Ihre Zahl liegt jetzt bei 35.
Der betrunkene Jugendliche hatte in der Nacht zum Samstag am Rande des Fests zur Bahnhofseröffnung im Regierungsviertel Menschen in der Menge angegriffen und manche so schwer verletzt, dass sie nur durch Notoperationen gerettet werden konnten. Andere wurden nur leicht getroffen und bemerkten den Stich erst im Nachhinein. Eines der ersten Opfer ist HIV-infiziert. Da nicht völlig auszuschließen ist, dass spätere Opfer durch das blutige Messer angesteckt wurden, rief die Polizei alle Betroffenen auf, sich zu melden. Bis Sonntag reagierten darauf mehr als 50 Verletzte und Ersthelfer.
Sie erhalten vorsorglich Medikamente, wie sie auch in der HIV-Therapie angewandt werden. Wie der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, erklärte, entspricht dies dem Vorgehen etwa bei Nadelverletzungen von Krankenhauspersonal. Das geringe Ansteckungsrisiko kann den Experten zufolge durch rechtzeitige Medikamentengabe noch verringert werden. Die HIV-Infektion eines der Opfer sei nach der Verletzung selbst für alle Betroffenen ein zweiter schwerer Schock, sagte Frei. Ihnen werde alle mögliche Hilfe und Betreuung angeboten.
An die 100 Zeugen befragt
Die Mordkommission befragte mit Verstärkung durch Kollegen 80 bis 100 Zeugen. Nun glichen die Beamten die Aussagen ab, um sich ein genaues Bild des Tathergangs zu verschaffen, berichtete ein Polizeisprecher am Sonntag. Der Verdächtige, ein deutscher Hauptschüler aus dem Problembezirk Neukölln, war noch am Tatort gefasst und von Zeugen erkannt worden. Er bestritt die Tat und gab an, sich kaum erinnern zu können.
Der Schüler war zwischen Hauptbahnhof und Reichstag durch die Straßen gelaufen und hatte im Gedränge auf Menschen eingestochen, die nach dem Einweihungsfest für den neuen Berliner Hauptbahnhof mit einer halben Million Besuchern auf dem Heimweg waren. Er traf die Opfer von hinten in den Rücken oder Gesäß, aber auch von vorne in den Körper. Trotz der überfüllten Straßen waren Rettungswagen innerhalb von sieben bis zehn Minuten da, um die Opfer zu versorgen. Eine Viertelstunde nach Eingang der ersten Notrufe wurde der Jugendliche von Sicherheitskräften gefasst.
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft erließ der Ermittlungsrichter am Samstagabend Haftbefehl. Den Vorwurf des versuchten Mordes begründete die leitende Oberstaatsanwältin Ute Segelitz mit den hinterrücks geführten Angriffen, die den Tatbestand der Heimtücke erfüllten. Für einen etwaigen rechtsradikalen Hintergrund der Bluttat gibt es laut Polizeivizepräsident Gerd Neubeck "nicht den mindesten Anhaltspunkt", weder von der Vorgeschichte des Jugendlichen noch vom Tatgeschehen her.
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