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Wirbel um TV-Krimi "Tatort": Aleviten protestieren in Berlin

VON MICHAEL SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 27.12.2007 - 11:02

Düsseldorf (RPO). Rund 300 Aleviten haben am Donnerstag in Berlin gegen eine ARD-"Tatort"-Folge friedlich protestiert. Die Veranstaltung vor dem Studio des Senders in Mitte stand unter dem Motto "Volksverhetzung gegen Aleviten". Die Alevitische Gemeinde Deutschland hatte den am vergangenen Sonntag ausgestrahlten Film "Wem Ehre gebührt" scharf kritisiert.

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Der „Tatort“-Krimi erregt die islamische Gemeinschaft der Aleviten in Deutschland: Die TV-Sendung habe ein alte Inzest-Klischee bedient und damit die Aleviten diffamiert. Die Gemeinschaft hat bei der Berliner Polizei Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Bereits seit Jahrhunderten würden Aleviten in aller Welt unter dem Inzest-Vorwand von der sunnitischen Mehrheit verfolgt - und sogar getötet.

In dem Krimi mit Schauspielerin Maria Furtwängler als TV-Kommissarin ging es um Inzest und einen Mord innerhalb einer alevitischen Familie. Der Beitrag fördere Vorurteile gegen die Aleviten, die in der Türkei seit Jahrhunderten Opfer von Pogromen gewesen seien, erklärte der Berliner Verein Anatolischer Aleviten. Dieser hatte vergeblich versucht, die Ausstrahlung der „Tatort“-Sendung vom vergangenen Sonntag zu verhindern, stellte aber im Auftrag des der Alevitischen Gemeinde Deutschland eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung, wie Generalsekretär Ali Ertan Toprak bestätigte.

Die Aleviten werden laut eigener Darstellung von sunnitischen Muslimen des Inzests bezichtigt - und das seit Jahrhunderten. Es heißt, die Aleviten würden in ihren Gemeinden Inzest betreiben, weil sie ihre religiösen Rituale gemeinsam mit Frauen und Kindern durchführen. Die Verunglimpfungen stammen laut Aleviten aus osmanischer Zeit und wurden damals zum Zweck der Unterdrückung des Alevitentums verbreitet.

Die Aleviten sind eine islamische Religionsgemeinschaft. Laut Toprak sind ein Drittel der türkischstämmigen Immigranten in Deutschland Aleviten. Ein Großteil der Mitglieder seien deutsche Staatsbürger. Laut Verbandsangaben gibt es in Deutschland etwa 700.000 Menschen, die sich als Aleviten bezeichnen. In der Türkei wird ihre Zahl auf 23 Millionen geschätzt. Dem Dachverband Alevitische Gemeinde Deutschland gehören bundesweit mehr als hundert Ortsvereine an, davon 30 in Nordrhein-Westfalen.

Anhänger des gemäßigten Islams

Die Aleviten gelten als Anhänger des gemäßigten Islams. Nach Ansicht des NRW-Landesgeschäftsführers der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Cemalettin Özer, stehen bei Aleviten und Christen die Werte Liebe, Humanität und Toleranz im Mittelpunkt. "Für uns hat jede Religion das Ziel, einen guten Menschen zu schaffen", erklärte er.

Der alevitische Glauben entstand vor über 500 Jahren im Osmanischen Reich aus dem Islam heraus. Es gebe aber Einflüsse vieler anderer Religionen, sagte Özer. Ein Alevit bezeichnet einen Anhänger Alis. Gemeint ist Ali, Schwiegersohn des islamischen Propheten Mohammed.

Der alevitische Dachverband Deutschland lehnt in seiner Satzung Gewalt grundsätzlich ab und befürwortet die Gleichstellung von Frauen und Männern in seinen Gemeinden. Damit hebten sich die Aleviten deutlich von anderen islamischen Glaubensrichtungen wie den orthodox-islamischen Sunniten als auch von iranischen Schiiten ab, wie der alevitische Ortsverein Nürnberg erklärt.

Aleviten beten in der Regel nicht in Moscheen, fasten nicht im islamischen Fastenmonat Ramadan und betrachten den Koran als weniger wichtig. Auch die Scharia, das islamische Rechtssystem, halten viele Aleviten nicht für verbindlich.

So bekennt sich die alevitische Gemeinschaft Deutschland unter Paragraph 2 der Vereinssatzung „zu den Menschrechten und den Gesetzen in Deutschland, soweit sie universellen Menschenrechten nicht widersprechen“. Und weiter heißt es, „sie begrüßt die umfassende Gewährleistung von Glaubensfreiheit unter Beachtung der strikten Neutralität des Staates“.

Kopftuch kein "religiöses Thema"

Auch dem Kopftuch stehen die Aleviten eher kritisch gegenüber. Laut Verbandsangaben ist das Kopftuch im alevitischen Glauben „kein religiöses Thema“. Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Kopftuchstreit im Fall Fereshta Ludin hatte die alevitische Gemeinde Deutschland befürchtet, dass alevitische Kinder von Lehrerinnen mi Kopftuch unterrichtet werden könnten. Das Gericht hatte es den Bundesländern überlassen, ob muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch in den Schuldienst übernommen werden.

Den Dialog der Kulturen und Religionen, wie ihn Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf der Islam-Konferenz mehrfach gefordert hatte, haben die Aleviten in Deutschland zu einem ihrer wichtigsten Ziele erklärt. So ist unter Paragraph 2 der Vereinssatzung weiter zu lesen, dass die Aleviten „ihre Mitglieder beim friedlichen Zusammenleben mit Menschen unterschiedlichen religiösen Bekenntnisses und kultureller sowie ethnischer Herkunft“ fördern.

Zudem setzt sich die Glaubensgemeinschaft dafür ein, „dass an öffentlichen Schulen in Deutschland Religionsunterricht nach dem Bekenntnis des alevitisch-bektaschitischen Glaubens eingeführt wird“.

Ziel: Islam als Regel-Schulfach

In Köln und Duisburg laufen bereits Pilotprojekte für Islam als Unterrichtsfach. Die Duisburger Grundschule Sandstraße, die unter der Leitung von Leiter Matthias Seifert 280 Schüler betreut, davon drei Viertel Muslime, zog nach sieben Jahren Islamkunde-Unterricht ein positives Fazit. Bis zum Jahr 2010 sollen die ersten Schulen in Duisburg und Köln vollwertigen Islamunterricht als Regelfach haben, das in die Notenbewertung einfließt. Das Ziel: Islamunterricht als gleichberechtigtes Religionsfach an allen Schulen.

Nach eigenen Angaben werden die Aleviten ab dem kommenden Schuljahr in NRW und einigen anderen Bundesländern einen eigenen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen anbieten, den es in der Stadt Berlin seit einigen Jahren gibt.


 
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