Margot Käßmann: Alles ist gut in Bochum
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 12.01.2011 - 20:35Bochum (RP). Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, hat in Bochum ihre Antrittsvorlesung als Gastprofessorin gehalten. Thema: die multikulturelle Gesellschaft. Dabei griff sie Thilo Sarrazin scharf an – ohne ihn einmal beim Namen zu nennen. Die Deutschen sollen Zuwanderung als "Chance auf Bereicherung" erkennen.
Alles ist gut in Bochum. Das Auditorium Maximum der Ruhr-Universität, eine Kathedrale der Wissenschaft mit fast 2000 Plätzen, ist voll, aber nicht überfüllt, die Stimmung ist heiter-erwartungsfroh, als Margot Käßmann zu ihrer Antrittsvorlesung als Gastprofessorin in den Saal tritt. Sie lächelt ihr bekanntes strahlendes Lächeln, scherzt, umarmt jemanden. Schwarzer Blazer, rot-schwarzes Kostüm, schwarze halbhohe Schuhe. Im schwarzen Schopf ist kaum ein graues Haar zu sehen.
Anders im Publikum: Ein Großteil der Zuhörer, es mögen zwei Drittel sein, ist dem klassischen Studentenalter längst entwachsen. In die Blitzlichter der Profis mischen sich die der Kompaktkamera-Besitzer, die meist aus scheuer Halbdistanz ihre Erinnerungsbilder machen. Nachher wird Käßmann ihnen wieder Bücher signieren.
Rektor Elmar Weiler würdigt Käßmann als "weitgreifend denkend, wirkmächtig, beeindruckend und begeisternd". Isolde Karle, die Dekanin der evangelischen Theologie, nennt die "liebe Margot" eine "ganz große Impulsgeberin". Karle fällt es zu, eine Neue vorzustellen, die doch jeder kennt.
Sie tut das schmucklos – unter anderem mit dem Satz, im Februar 2010 sei Käßmann "aus bekannten Gründen" als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und hannoversche Landesbischöfin zurückgetreten. Dass der Grund eine Trunkenheitsfahrt war, sagt man an dieser Stelle natürlich nicht.
Knapp eine Stunde redet dann Käßmann. Eine Vorlesung ist es eigentlich nicht, eher eine politisch-theologische Rede. Thema: "Multikulturelle Gesellschaft – Wurzeln, Abwehr und Visionen". Käßmann beginnt buchstäblich bei Adam und Eva, um zu belegen, das christliche Abendland gründe auf Migration: "Unterwegs sein ist eine Kernerfahrung biblischer Erzählungen."
Daher solle Deutschland keine "Angst vor der Vielfalt" haben, sondern Zuwanderung als "Chance zur Bereicherung" erkennen. Käßmann setzt hoch an, zitiert den Theologen Sundermeier, die Philosophen Levinas und Habermas. Der Weg sei nicht, Migranten als "Produzenten von ,Kopftuchmädchen’" zu beleidigen und ihnen das "scheußliche Gefühl" zu geben, nicht willkommen zu sein.
Auf Bildung als "Schlüssel zur Zukunft" setzten auch die Migranten, "ganz anders als populistische Pamphlete vermuten lassen". Das alles ist ein Angriff gegen die Thesen Thilo Sarrazins, ohne dass der Name ein einziges Mal fiele. Gegen Ende sagt sie zwar "Sarrazin", meint aber den grünen Bundestagsabgeordneten Manuel Sarrazin, dessen Positionen zur Integration sie lobt.
Schließlich sogar etwas protestantische Selbstironie – Nietzsche habe gesagt, wenn die Christen etwas erlöster dreinschauen würden, könne er sich der Sache vielleicht annähern: "Also sehen Sie bitte etwas erlöster aus, alle." Heiterkeit im Saal und bei der Referentin. Der Gastprofessorin Käßmann fehlt alle bittere Schärfe, auch alle beleidigte Ich-Bezogenheit, mit der die frisch zurückgetretene Bischöfin Käßmann im Mai beim Ökumenischen Kirchentag aufgetreten war.
Kein Wort mehr über die Kritik, die ihr wegen des Predigtsatzes „Nichts ist gut in Afghanistan“ entgegengeschlagen war. Stattdessen die Aufforderung, "Geschichten von gelungener Integration" zu erzählen. Nicht alles ist gut in Deutschland, heißt das, aber mehr, als man oft meint. Sollte Käßmann sich doch noch einmal für das Amt der Bundespräsidentin interessieren, dies könnte ihre Bewerbungsrede sein.
Am Ende erklingt dann noch zu Ehren der neuen Kollegin die riesenhafte Klais-Orgel, vor der die zierliche Käßmann während ihres Vortrags noch kleiner gewirkt hatte. Kardiologie-Professor Hans-Joachim Trappe intoniert Bachs Toccata und Fuge d-moll. Das Riesenwerk aus der gigantischen Orgel klingt überraschend zurückhaltend, fast brav. Kein unpassender Abschluss.
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