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2. Mai 1933
Als Hitler die Gewerkschaften zerschlug
2. Mai 1933: Als Hitler die Gewerkschaften zerschlug
SA-Männer posieren am 2. Mai 1933 vor der besetzten Zentrale der Arbeiter Bank in Berlin. FOTO: dpa
Düsseldorf. Am 2. Mai 1933 besetzten die Nationalsozialisten deutschlandweit die Gewerkschaftshäuser. Vorausgegangen waren Monate der Drangsalierung und Unterdrückung – aber auch der Anbiederung der verunsicherten Arbeitnehmer. Von Maximilian Plück

Als Dietrich Köllmann, Mitglied der NSDAP, in den Keller des Hauses Ruhrorter Straße 11 in Duisburg geführt wird, bietet sich ihm ein Anblick des Grauens. In dem Raum liegen vier blutüberströmte Körper, zwei auf dem Boden, zwei auf einem Kokshaufen.

Die Toten sind so schlimm zugerichtet, dass Köllmann nicht alle erkennt. SS-Mann Jacob Baltes, der Köllmann in den Keller geführt hat, nennt die Namen: Es sind Julius Birck, Emil Rentmeister, Michael Rodenstock und Johann Schlösser, allesamt Gewerkschafter. Erschlagen mit Schaufelstielen, wie der stark alkoholisierte Baltes sagt. Das sei nicht vorgesehen gewesen, verteidigt er sich. Man habe sie lediglich zu Geständnissen bewegen wollen. Es ist der 2. Mai 1933, der Tag, an dem Hitler endgültig die Gewerkschaftsbewegung zerschlägt.

Anders als heute gibt es in der Weimarer Republik bis zu diesem Tag mit den Parteien eng verknüpfte Richtungsgewerkschaften. In mehreren Dachverbänden haben sich 200 Einzelgewerkschaften zusammengeschlossen. Den größten Block bilden mit 4,7 Millionen Mitgliedern die Freien Gewerkschaften, die der SPD nahestehen.

Es folgen die christlichen Gewerkschaften mit rund 700 000 Mitgliedern, die sich der Zentrumspartei verbunden fühlen und die Hirsch-Duncker'schen Gewerkvereine (160 000), die sich mit den Linksliberalen von der Deutschen Demokratischen Partei identifizierten. Hinzu kommt die der KPD nahestehende Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (etwa 250 000 Mitglieder).

Die Drangsalierungen nehmen mit der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 deutlich zu. Gewerkschaftszeitungen werden verboten. Immer wieder kommt es zu Übergriffen durch SA- und SS-Männer. Beispiel Gerhard Vake, Vorsitzender des Holzarbeiter Verbandes in Bochum. Der Gewerkschafter gilt als ruhiger und sachlicher Zeitgenosse. Seit knapp einem Monat ist er vor der SA untergetaucht. In der Nacht des 6. April gibt er dem Drängen seiner Frau nach und kehrt nach Hause zurück – ein Fehler.

Ein Spitzel meldet Vakes Heimkehr, 25 Minuten nach seinem Eintreffen sind die SA-Schergen da, zwingen Vake in ein Auto, vernehmen ihn an ihrem Stab-Sitz an der Hermannshöhe. Als er sich danach weigert, wieder in den Wagen zu steigen, zertrümmert ein SA-Mann ihm mit dem Karabiner das Nasenbein. Im Auto prügeln die Männer Vake halbtot, fahren ihn hinaus auf die Ruhrbrücke und werfen den Geschundenen 20 Meter tief in den Fluss. Vake überlebt wie durch ein Wunder.

Aus mehr als 160 Orten gehen im März bei der Zentrale des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Berlin Hilferufe ein – rund 20 davon aus Städten im heutigen NRW. Briefe von Gewerkschaftsfunktionären an die Führungselite der Nazis listen detailliert die Übergriffe auf: Bürodurchsuchungen in Krefeld, Verhaftungen in Bochum. In Köln-Sülz wird das Haus eines Maurers vollständig verwüstet.

Die Eheleute kommen bei Freunden unter, die drei Kinder müssen in ein Waisenhaus. Aus Goch meldet der ADGB am 12. März, die SA habe das Gewerkschaftshaus geplündert und von den Möbeln bis zur Gardine alles in Richtung Kleve abtransportiert, gleiches geschieht am 1. April im Mettmanner Büro des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes.

Dass sich die Gewerkschaften trotz der Drangsalierungen zunächst in Sicherheit wiegen, liegt an den widersprüchlichen Signalen der neuen Regierung. So versicherte Vizekanzler Franz von Papen bei einer Rede in Breslau, dass die Regierung nicht die Absicht habe, "das, was die deutsche Arbeiterschaft an gesunder Selbstverwaltung aufgebaut hat", zu zerschlagen.

Die dennoch vorherrschende Angst vor einem Verbot führt zu Anbiederungen: Die ersten Berufsverbände, die sich Mitte März dem Druck beuge, sind die Beamten, die sich hinter die "nationale Regierung" stellen und sich zum "Dienst an der nationalen Volksgemeinschaft" bekennen. Bald schließt sich der Deutsche Lehrerverein an. Und am 21. März schließlich knickt Theodor Leipart, Vorsitzender des ADGB, ein und sagt sich in einem Brief an Hitler von der SPD los.

Doch das reicht den Nazis nicht. Sie wollen die "Gleichschaltung", fürchten aber, die Arbeiter bei einem zu ruppigen Vorgehen zu verprellen. Bei den Betriebsratswahlen im März hatten die Freien Gewerkschaften mit 73,4 Prozent die Kandidaten der "Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation" (NSBO) mit gerade einmal 11,7 Prozent auf die Plätze verwiesen. Die Niederlage hatte den neuen Machthabern vor Augen geführt, dass trotz aller Einschüchterungsversuche die Gewerkschaftsbewegung noch großen Rückhalt genießt. Wie also die völlige Zerschlagung voranbringen? Die Nazis entscheiden sich für einen perfiden Plan, eine aufeinanderfolgende Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche – und das innerhalb von nur 48 Stunden.

Berchtesgarden, der Obersalzberg, Hitlers Feriendomizil. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ist beim Führer zu Besuch. Gemeinsam haben sie die Lage besprochen. Goebbels notiert abends in sein Tagebuch: "Hier oben habe ich mit dem Führer die schwebenden Fragen eingehend durchgesprochen. Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns." Es ist der 17. April, noch gut zwei Wochen bis zur Zerschlagung.

Am 1. Mai kommt das Zuckerbrot: Die Nazis erklären den "Tag der nationalen Arbeit" zum Feiertag – ein lang gehegter Wunsch der Arbeiterschaft. Pompös inszenieren die Nazis ihre zentrale Veranstaltung in Berlin mit Auftritten von Reichspräsident Paul von Hindenburg und Hitler. Am 2. Mai folgt die Peitsche: Deutschlandweit werden die Gewerkschaftshäuser umstellt und geplündert.

Die NS-Zeitung "Volksparole" titelt beispielsweise "Düsseldorfer Bonzenpaläste durch SA besetzt". Die Maßnahme richte sich nicht gegen die Arbeiter, heißt es. Es solle verhindert werden, "dass Gewerkschaftsbonzen mit den mühsam ersparten Groschen der Arbeiterschaft das Weite suchen". Um das zu unterstreichen, müssen sich ADGB-Chef Hans Böckler und Kassierer Emil Arnold in ihrem Büro vor einer Bar mit Schnapsflaschen fotografieren lassen.

Die Nazis verscharren die vier Toten aus dem Duisburger Gewerkschaftshaus heimlich in einem Waldstück bei Hünxe. Dort werden sie erst ein knappes Jahr später entdeckt. Die Angehörigen werden daraufhin massiv eingeschüchtert und erhalten zudem eine Rechnung für die Bestattungskosten. Exakt ein Jahr nach dem 2. Mai 1933 werden die vier auf dem Dinslakener Friedhof beigesetzt. Zu der Feier erscheinen 1000 Menschen – es ist eines der wenigen Zeichen des Aufbäumens der zu diesem Zeitpunkt völlig gleichgeschalteten Arbeitnehmerschaft.

Quelle: RP/csi/pst
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