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Amokläufe
Psychogramm der Täter

Wer ist der Todesschütze von München?
Wer ist der Todesschütze von München? FOTO: Twitter/Screenshot
München. Amokläufe haben immer eine Geschichte und folgen oft einem Muster. Das aber macht sie nicht vorhersehbar oder kontrollierbar, da ihr Auslöser immer eine psychopathologische Störung ist. Von Lothar Schröder

Seit dem Wochenende hat Deutschland einen neuen Bestseller. "Amok im Kopf - Warum Schüler töten". Der US-Psychologe Peter Langman hat es bereits vor sieben Jahren geschrieben, doch mit dem Amoklauf von München hat es das Leserinteresse neu geweckt. Zumal das Buch in der Wohnung des Attentäters gefunden wurde. Bei Amazon schnellte das Werk jetzt auf Platz eins - in der Rubrik "Ratgeber, Eltern und Kinder". Schon einmal hatte ein jugendlicher Täter in Langmans Werk reizvollen Lesestoff gefunden, das war vor vier Jahren beim Amoklauf im US-Bundesstaat Colorado.

Ein Teufelswerk also? Selbstverständlich nicht. Dieser traurige Bucherfolg diskreditiert weder die wissenschaftliche Untersuchung noch verunglimpft sie den Autor. Und doch erweist sich der Buchfund als ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Tat. Er zeigt nämlich, wie reflektiert der 18-jährige Deutsch-Iraner sich vorbereitet hat. Dazu gehörte eben nicht nur die Beschaffung der Waffe und die Planung der Tat. Es gehörte auch die reflektierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun dazu.

"Gestörte Individuen"

Selbst dann, wenn - wie in Langmans Buch - Amokläufer nicht eben heroisch beschrieben werden. So wird Ali David S., der Täter von München, daheim vielleicht gelesen haben, dass Amokläufer nach den Worten Langmans "gestörte Individuen" und "einfach keine normalen Jugendlichen" seien. Und dass sie entweder zur Kategorie der psychotischen Täter mit Wahnvorstellungen gehörten, der traumatisierten Amokläufer mit schwerer Kindheit oder auch der Psychopathen, die ohne Empathie für andere Menschen sich allen haushoch überlegen fühlen.

Chronologie des Amoklaufs

Eine Art positive Bestätigung beziehungsweise eine Form der Genugtuung dürfte der 18-Jährige aus solchen Sätzen kaum erfahren haben. Vielmehr scheint es, als sei der Tat so etwas wie eine Selbstanalyse vorausgegangen. Diese Innenschau verspricht auch Identität; sie ist ein psychisches Selfie, das Selbstgewissheit gibt und damit die vermeintliche Kontrolle über einen Alltag und ein Leben gibt, das unwirklich und fremd und manchmal auch unbeherrschbar geworden ist.

Dem Amokläufer dienen die Krankheitsbilder als Selbstbeschreibung. Sie werden zu Kategorien, in denen schon andere zu finden sind. Er ist somit nicht allein. Es gibt andere, die vor ihm diesen blutigen Weg der Vernichtung gegangen sind. Ali David S. hat das regelrecht zur Schau gestellt, indem er seine Tat am Jahrestag des Massakers auf der Insel Utøya beging und sich damit auf Anders Behring Breivik bezog.

Täter war in Winnenden

Außerdem soll er den Tatort des Amoklaufes von Winnenden besucht haben. Dies dürfte ihm fürs eigene Vorhaben zwar keine dienlichen Hinweise beschert haben. Die hat er auch nicht gesucht. Es geht in solchen Fällen stets um die Inspektion einer früheren "Bühne"; die eigene Inszenierung wird anders aussehen. So schlimm es sich anhört: dieses Traditionsbewusstsein gehört zum Wesen des Amoklaufes, zu seiner geistigen Struktur. Es gibt Verhaltensmuster, die wiederkehren; sie vitalisieren das Verständnis von einer Genealogie der Täter.

Der Amok kommt aus Malaysa und Indien. Danach meint "Mengamuk" einen Angriff im Blutrausch, bei dem sich der Angreifer in den meisten Fällen selbst opfert - vergleichbar durchaus mit Märtyrern in sogenannten Heiligen Kriegen. 1917 fand erstmals "Amoklaufen" Aufnahme in einem deutschen Fremdwörterbuch. Amok - diese "Ausbreitung des großen Zorns", so Peter Sloterdijk - lebt von Bildern und Vorstellungen in den Köpfen der Täter. Es existiert demnach eine lange Fantasiegeschichte, die sich aus Vor-Bildern nährt. Kein Amoklauf erfindet sich neu. Beginn, Verlauf, und Finale sind in irgendeiner Form zumeist Muster einer Nachahmung. Wobei die überlieferten Bilder und Berichte dem künftigen Amokläufer dienen, seine eigene Wirklichkeit Stück für Stück zu erfinden. Er nimmt zunehmend Abstand von der Welt um ihn herum; er emanzipiert sich gewissermaßen von der Realität. Die Tat ist ein Protest gegen das wirkliche Leben und der Amok eine Metapher der letzten Freiheit - frei von allen Gesetzen und Grenzen.

An diesem Punkt ist eine Rückkehr kaum noch möglich, weil solche extremen Fantasien noch nie gekannte Machtgefühle wecken. Denn jetzt wird der Täter Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in einem. Mit dem Tod der anderen und seinem eigenen Tod ist er zum Schluss auch derjenige, der diese Wirklichkeit auslöschen kann. In ihr regieren die Gesetze einer eigenen und hermetischen Realität. Bevor fremde Gesetze ihn zur Verantwortung ziehen, richtet der Amokläufer sich lieber selbst. Das ist Selbstbestimmung in ihrer radikalsten Form. Mit der eigenen Ermordung entzieht er sich dem Zugriff; sie ist sein letztes Zeichen von Macht.

Kunstfigur

Der Amoklauf ist oft nur von einer Art Kunstfigur durchführbar, einer Selbsterfindung. Der Soziologe Wolfgang Sofsky hat das einmal so beschrieben: Der, der ich bin, wird der, der ich immer schon sein wollte. Der Amoklauf ist in diesem Sinne eine Identitätsstiftung der furchtbarsten Art.

Für das Verständnis solcher Gewaltexzesse ist es falsch, einen Amokläufer als Massenmörder zu bezeichnen. Zumal sich das Tempo und die Exzessivität seiner Tat eklatant von jeder anderen Tötung unterscheiden. Seine Energie ist die Enthemmung: Wenn erst einmal alle Schranken fallen, erfährt das Ich eine ungeahnte Entgrenzung. Dabei ist der Amokläufer in seinem Wüten keineswegs blind, sondern hochkonzentriert, er ist angespannt und sicher. Er ist, wie jetzt in München, noch zu verbalen Reaktionen fähig. Er sei Deutscher, hat der 18-Jährige auf dem Parkdeck gerufen und sogar vom Kauf der Waffe gesprochen. Für den kurzen Moment, darin sind sich die Experten einig, erlebt und durchlebt der Amokläufer ein letztes Mal die absolute Gegenwart.

Viel von dem klingt nach einem Versuch, Unfassliches tatsächlich fassbar oder erklärbar zu machen - möglicherweise kontrollierbar. Amokläufe aber sind keine Terrorakte und ihre Motive nicht religiöser, politischer oder ideologischer Natur. Es sind psychopathologische Fälle, die mit gesundem Menschenverstand kaum prognostiziert werden können. Aber man kann schon fragen, ob eine Welt der permanenten Wahrnehmung, die die Trennlinien zwischen Wahn und Wahrheit unscharf werden lassen, solche Pathologien nicht auch befördert. Unser Blick auf den Täter macht den Amoklauf zu einem individuellen Problem; unser Blick auf die Tatentstehung aber erweitert ihn zu einem gesellschaftlichen. Es ist darum kaum dienlich, die Verantwortung für Taten wie jene in München allein an die psychischen Störungen eines Einzelnen zu delegieren.

Quelle: RP
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