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Bluttat von Ansbach: Amokläufer handelte aus Menschenhass

zuletzt aktualisiert: 21.09.2009 - 14:52

Ansbach (RPO). Der Amokläufer von Ansbach handelte bei seiner Tat aus allgemeinem Hass auf die Menschen und die Schule. Dies gehe aus mehreren vom Täter verfassten Texten hervor, die auf seinem Laptop gefunden wurden, sagte Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger am Montag in Ansbach. Der Täter hatte demnach den Anschlag auf das Gymnasium schon vor Monaten akribisch geplant.

Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger vor Journalisten.  Foto: ddp, ddp
Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger vor Journalisten. Foto: ddp, ddp

Der 18-Jährige, der von Polizeibeamten angeschossen worden war und daraufhin in ein künstliches Koma versetzt wurde, war am Montag zunächst noch nicht vollständig wieder erwacht. Der Haftbefehl gegen ihn konnte noch nicht eröffnet werden, weil er "noch nicht ausreichend orientiert" gewesen sei, sagte Lehnberger.

Auf dem beschlagnahmten Laptop des 18-Jährigen fanden die Ermittler demnach mehr als 80 Seiten Texte, die "deutliche Hinweise auf die Tat und die Gedanken des Täters" liefern. Experten gelang es, die gelöschten Dokumente zu rekonstruieren. Daraus gehe hervor, das der Täter aus "Hass gegen die Menschheit im Allgemeinen und gegen die Institution Schule" handelte, sagte Lehnberger vor Journalisten in Ansbach. Bei der Tat habe er eigens ein T-Shirt mit der Aufschrift "made in school" getragen und sich damit als Produkt der Schule verstanden.

Aus den Texten des 18-Jährigen, die laut Staatsanwaltschaft alle an eine "fiktive Ansprechpartnerin" gerichtet waren, geht zudem weiter hervor, dass er sich ungerecht behandelt, ausgegrenzt und nicht anerkannt fühlt. Zudem habe er die Angst geäußert zu erkranken, sein Abitur nicht zu bestehen und keine Zukunft zu haben. Laut Lehnberger erwähnte er auch ein Erlebnis in der sechsten Klasse, als er in einem Bus verprügelt worden sei und keiner geholfen habe.

Der 18-Jährige "wollte nicht mehr leben", sagte Lehnberger. Er habe damit gerechnet, von der Polizei getötet zu werden. Ein jugendpsychiatrischer Gutachter solle seine Schuldfähigkeit untersuchen. Der Täter hatte am Donnerstag in Ansbach mit Axt und Molotow-Cocktails bewaffnet neun Schüler und einen Lehrer zum Teil lebensgefährlich verletzt. Der Gesundheitszustand von zwei schwerverletzten Mädchen hat sich stabilisiert, sie sind außer Lebensgefahr. Mehr als 60 Zeugen wurden bislang zu dem Amoklauf vernommen, so dass die Ermittler den genauen Tathergang rekonstruieren konnten. Hinweise auf einen Mittäter gebe es nicht.

Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte der 18-Jährige bereits Anfang April in den gefundenen Schriftstücken erste Andeutungen zu der Tat gemacht und im Mai und Juni konkrete Pläne ausgearbeitet, bis hin zur Bewaffnung, der Tatzeit und zur Etage des Schulgebäudes. Sein Ziel sei es gewesen, möglichst viele Schüler zu töten. Den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium mit 16 Todesopfern 2002 habe er als "eine Möglichkeit" benannt, die ihn vielleicht beeinflusst haben könnte, sagte der zuständige Staatsanwalt Jürgen Krach. Gewalt- oder Killerspiele seien bislang nicht gefunden worden.

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) plädierte unterdessen dafür, die Höchstgrenze für Jugendarrest auf maximal drei Monate zu verlängern. Zugleich sollen Jugendliche in dieser Zeit therapeutisch betreut werden, sagte sie der "Augsburger Allgemeinen". Von der derzeitigen Höchstgrenze von vier Wochen. Damit "lässt sich das Verhalten von immer mehr jungen Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, kaum noch ändern", sagte Merk.

Info

Schreiben der Familie

Beim Gedenkgottesdienst anlässlich des Amoklaufs ist ein Schreiben der Familie des 18 Jahre alten Täters verlesen worden. Darin äußern sich die Eltern des Amokläufers erstmals zu der Tat, bei der am Donnerstag neun Schüler und ein Lehrer verletzt worden waren, darunter zwei Mädchen schwer. Der Brief im Wortlaut:

"Liebe Schülerinnen, liebe Schüler, sehr geehrter Herr Direktor Stark, sehr geehrtes Lehrerkollegium, sehr geehrte Anwesende, es ist unmöglich, in Tagen wie diesen einen klaren Gedanken zu fassen, seine Gefühle zu beschreiben, die richtigen Worte zu finden. Gerade deswegen ist es uns, den Eltern, den Schwestern und unseren Familien ein großes Bedürfnis, uns mit diesen Worten persönlich an Euch zu wenden. Wir sind fassungslos und entsetzt über das Geschehene und das unvorstellbare Leid, das Ihr erfahren habt beziehungsweise Sie erfahren haben. Dies bedauern wir aus tiefstem Herzen. Unsere Gedanken sind bei allen Verletzten und Betroffenen, ganz besonders jedoch bei Mareike und Annika mit ihren Familien. Wir fühlen in diesen Tagen mit ihnen.  Diese Gelegenheit möchten wir auch nutzen, uns bei allen Beteiligten für ihr schnelles, besonnenes und couragiertes Verhalten an diesem Tag herzlichst zu bedanken. Unser Dank gilt vor allem Herrn Direktor Stark mit dem gesamten Lehrerkollegium, den Schülerinnen und Schülern sowie der Polizei und allen Rettungskräften. Die nicht selbstverständliche und liebevolle Unterstützung, die wir in den letzten Tagen von vielen erfahren haben, hat uns sehr gut getan und uns geholfen. Wir hoffen und wünschen, dass es ihnen und ihren Angehörigen gelingt, diese schwere Zeit gemeinsam zu bewältigen."

Quelle: DDP/asl

 
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