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München
Amokläufer erschoss sich vor den Augen der Polizei

Wer ist der Todesschütze von München?
Wer ist der Todesschütze von München? FOTO: Twitter/Screenshot
München. Der 18-jährige Ali David S. erschießt neun Menschen und tötet sich vor den Augen der Polizei. Eine Verbindung zum islamistischen Terrorismus sehen die Ermittler nicht. Der Schüler war in psychiatrischer Behandlung.

Am Tag nach dem Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum in München klären sich die Hintergründe: Die Tat am Freitagabend geht auf das Konto eines vermutlich psychisch kranken Amokläufers. Den befürchteten Bezug zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gebe es nach bisherigen Erkenntnissen nicht, bestätigte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Samstag in Berlin.

Der 18-jährige Ali David S. erschoss vor und im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen - darunter sechs Jugendliche - und sich selbst.  Nach Erkenntnissen der Ermittler hat der Täter versucht, über einen gehackten Facebook-Account junge Opfer an den späteren Tatort zu locken.  In der Wohnung des jungen Mannes sei Material gefunden worden, das Verbindungen zum Amoklauf von Winnenden 2009 und zum Massenmord des Norwegers Anders Behring Breivik vor genau fünf Jahren vermuten lasse, sagte de Maizière weiter. 

Trauer um Opfer des Amoklaufs in München FOTO: dpa, shp sab

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich schockiert. Zugleich lobte sie - wie auch de Maizière - die Einsatzkräfte für ihre "hoch professionelle" Arbeit: "Sie waren und sind im besten Sinne Helfer und Beschützer der Bürgerinnen und Bürger." Die Zusammenarbeit der Behörden Bayerns und des Bundes habe "eng und nahtlos" funktioniert. Nun gehe es darum, die Morde vollständig aufzuklären. Deutschland trauere "mit schwerem Herzen um die, die nie mehr zu ihren Familien zurückkehren werden", sagte Merkel. Sie fügte an die Adresse der Angehörigen hinzu: "Wir denken an Sie, wir teilen Ihren Schmerz, wir leiden mit Ihnen."

Der Amokläufer war für die Sicherheitsbehörden ein unbeschriebenes Blatt. "Gegen ihn waren bisher keine polizeilichen Ermittlungen bekannt", sagte de Maizière. "Und es gibt auch keine Erkenntnisse der Nachrichtendienste über diese Person." Möglicherweise sei der junge Deutsch-Iraner gemobbt worden. Die Frage, wie es zu solchen "Explosionen von Gewalt" kommen könne und ob die Tat absehbar war, müsse sich möglicherweise eher an das direkte Umfeld des 18-Jährigen richten als an die Sicherheitsbehörden. 

Ali David S. hatte nach ersten Erkenntnissen von Ermittlern eine Erkrankung "aus dem depressiven Formenkreis". "Wir haben einige Hinweise dafür, dass eine nicht unerhebliche psychische Störung bei dem Täter vorliegen könnte", sagte auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Er war demnach in psychiatrischer Behandlung. 

Amok-Alarm in München FOTO: dpa, mbk wst sab

Der Amokläufer war Schüler, er ist in München geboren und aufgewachsen. Die Ermittler fanden in seiner Wohnung Bücher wie "Amok im Kopf. Warum Schüler töten". Auch eine Verbindung zum Massenmörder Breivik "liegt auf der Hand", sagte der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä.

Der Bundesinnenminister, der am Samstagabend den Tatort besichtigte, lehnte rasche Debatten über gesetzgeberische Reaktionen auf die Bluttat ab: "Heute ist nicht die Stunde für Konsequenzen, schon gar nicht, wo die Ermittlungsergebnisse noch nicht vollständig vorliegen." De Maizière machte brutale Internetvideos und Computerspiele für Gewaltexzesse wie in München mitverantwortlich.

Täter hatte noch 300 Schuss Munition

Die Getöteten stammten nach Angaben Andräs alle aus München und Umgebung. Zwei 15-Jährige und drei 14-Jährige seien ums Leben gekommen, so die Ermittler. Weitere Opfer seien 17, 19, 20 und 45 Jahre alt gewesen. Unter den neun Todesopfern seien drei Frauen gewesen. Unter den neun Toten befinden sich drei junge Albaner aus dem Kosovo, deren Familien befreundet waren. 

Der Täter führte den Angaben zufolge eine illegale Pistole des Kalibers 9 Millimeter bei sich, die Seriennummer war ausgefräst. Der junge Mann habe über 300 Schuss Munition bei sich gehabt, sagte der Präsident des bayerischen Landeskriminalamtes, Robert Heimberger. Im Magazin habe sich noch Munition befunden. Etwa zweieinhalb Stunden nach der Tat hat er sich vor den Augen von Polizisten getötet.

"Gegen 20.30 Uhr hatte demnach eine Streife der Münchner Polizei nördlich des Olympia-Einkaufszentrums Kontakt zum mutmaßlichen Täter", teilte die Polizei mit. Als Reaktion auf die Ansprache habe er sich erschossen. Eine Zivilstreife hatte den Täter zuvor bereits am Parkhaus des Einkaufszentrums entdeckt und auf ihn geschossen, doch der junge Mann war unverletzt geblieben und konnte zunächst fliehen.

2300 Polizisten im Einsatz

Die Tat sei umso schwerer zu verkraften, als sie in eine Zeit der Schreckensnachrichten falle, sagte Kanzlerin Merkel. Sie verwies auf die Terrorattacke mit einem Lastwagen in Nizza vor gut einer Woche und auf den "unfassbar grausamen Axtangriff in einem Zug bei Würzburg" am vergangenen Montag. Merkel erinnerte aber auch an viele Gesten der Hilfsbereitschaft von Bürgern in München. Es sei angesichts der Beileidsbekundungen aus anderen Ländern "gut zu wissen, dass es auch unter Völkern diese Solidarität gibt".

Die bayerische Landesregierung will nach dem Amoklauf die Polizei besser ausstatten, wie Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) nach einer Sondersitzung des Kabinetts in München sagte. "Die Bevölkerung kann sich darauf verlassen, dass wir als politisch Verantwortliche alles Erdenkliche tun werden, um unsere Bevölkerung zu schützen." Seehofer ließ durchblicken, dass es mehr Geld für die Polizei geben soll - sowohl für zusätzliche Stellen als auch neue und bessere Ausrüstung. Am Freitagabend waren etwa 2300 Polizisten im Einsatz gewesen, darunter auch die Spezialeinheit GSG 9 der Bundespolizei.

In der Innenstadt von München war am Freitag Panik ausgebrochen. An mehreren Stellen war von Schüssen die Rede. Dabei handelte es sich aber um Fehlalarme. Zwischen 18 und 24 Uhr zählte die Münchner Polizei 4310 Notrufe. Das sei das Vierfache eines normalen Tages gewesen, sagte Polizeipräsident Andrä.

Polizei ermittelt wegen Fehlalarmen

Die Polizei ermittelt, ob auch absichtliche Falschinformationen aus der Bevölkerung eingingen, wie Bayerns Innenminister Herrmann erklärte: "Wir müssen schon auch überprüfen, inwieweit hier Leute meinten, sie würden etwas Witziges tun, indem sie solche Behauptungen ins Netz stellen oder deswegen die Polizei anrufen. Auch am Samstagabend kam es in der Münchner Innenstadt zu einer erneuten Terrorwarnung von Unbekannten, die sich als Fehlalarm herausstellte.

Am kommenden Samstag wird es im Münchner Maximilianeum einen gemeinsamen Trauerakt des Landtags, der Landesregierung und der Stadt München geben. Zum Gedenken an die Opfer und Verletzten gibt es am Sonntag kommender Woche zudem einen ökumenischen Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom. Seehofer sagte den Staatsempfang zum Beginn der Bayreuther Festspiele am Montagabend ab. Dies gebiete der Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen, sagte er.

Das Protokoll des Tages lesen Sie hier. 

(top/ dpa)
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