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Todesschüsse von München
"Die meisten Amokläufer erleben einen Jagdmodus"

Wer ist der Todesschütze von München?
Wer ist der Todesschütze von München? FOTO: Twitter/Screenshot
Düsseldorf. Was bewegt einen 18-Jährigen dazu, neun Menschen in einem Einkaufszentrum zu erschießen? Wie und wann hätte man ihn von seinem Amoklauf abhalten können? Ein Gewaltforscher gibt Antworten.  Von Susanne Hamann

Herr Böckler, es gibt von dem Amokläufer in München ein Handy-Video, das ihn auf einem Parkdeck zeigt. Darin lässt er sich in ein Streitgespräch mit einem Anwohner verwickeln, der ihn beschimpft. Hatte dieser Dialog irgendeinen Einfluss auf den Täter? Kann man einen Amokläufer überhaupt mit Worten beeinflussen?

Nils Böckler Es gibt zwei Arten von Aggression bei Menschen. Das eine ist die sogenannte "heiße Aggression", das sind Fälle, bei denen sehr spontan eine extreme Gefühlslage aufkommt. Die Betroffenen kommen dann in eine Art Verteidigungsmodus. Das andere ist die "kalte Aggression", die wir bei Amokläufern sehen. Davon spricht man beispielsweise auch im Kontext einer Tierjagd. Und das ist es auch, was die meisten Amokläufer erleben - einen Jagdmodus. Sie handeln kalt, überlegt und gefasst. In dem Video hört man ja auch, dass der Täter sehr ruhig und fokussiert antwortet und den Anwohner die ganze Zeit siezt, obwohl der seinerseits nur Beschimpfungen von sich gibt. Die Täter sind so, weil sie sich auf den Amoklauf sehr genau vorbereiten und sich auch vorstellen, was nach der Tat passiert. Die Emotionen fahren runter, der Täter ist wie in einem Tunnel fixiert und lebt nur noch für diesen Moment - deswegen kann man einen Menschen, der Amok läuft, nicht davon abhalten, und sollte auch auf keinen Fall versuchen, mit ihm zu sprechen. 

Nils Böckler ist Diplom-Pädagoge und Mitarbeiter am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Im Projektverbund "Tat- und Fallanalysen hoch expressiver, zielgerichteter Gewalt" (TARGET), der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde, forschte er zu Radikalisierungsprozessen terroristischer Einzeltäter und autonomer Zellen. FOTO: Nils Böckler

Inzwischen ist ein mutmaßlicher Mitwisser verhaftet worden. Angenommen, dieser wäre vorzeitig zur Polizei gegangen - hätte man die Tat verhindern können, auch langfristig? Kann man jemanden, der einen Amoklauf plant, überhaupt wirkungsvoll therapieren?

Böckler Was sich zeigt, ist, dass es den Jugendlichen sehr stark um Kommunikation geht. Das hat man ja auch in dem Video gesehen, in dem der Amokläufer sehr viel von sich erzählt hat, schon erzählen wollte. Darüber kann man die Jugendlichen auch in einer Therapie abholen, wenn bekannt wird, dass sie sich zum Beispiel im Netz viel mit Amokläufen beschäftigen. Bei vielen merkt man aber auch schnell, dass sie nicht wirklich handeln wollen, sondern es nur um die Drohgebärde geht - das sind die sogenannten Trittbrettfahrer. Zu dem Mitwisser sei aber noch gesagt: Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Jugendliche noch angestachelt werden, wenn sie im Netz jemanden finden, mit dem sie ihre Fantasien teilen können.

Was sind den Warnsignale, an denen man erkennt, dass sich jemand mit dem Thema Amok beschäftigt?

Böckler Das erste, was das Umfeld erkennen kann, ist die soziale Isolation. Es folgt eine Fokussierung auf die persönlichen Missstände, zum Beispiel eben das Mobbing - das nicht immer objektiv gegeben sein muss, dabei kommt es auf die subjektive Wahrnehmung an. Es kommt erst zu einer Fixierung auf die Opferrolle, die mit der Zeit in Kämpfermentalität umschlägt. Das Opfer entwickelt sich mit der Zeit in der Selbstwahrnehmung zum Rächer. Es kann sein, dass er dann andere Kleidung trägt oder auch Tarnmuster, um kämpferischer auszusehen. Was häufig auftritt, ist das sogenannte Durchtröpfeln, also "Leaking". Es fallen Sätze wie: "Die Welt wird schon noch sehen, was sie davon hat", oder: "Demnächst wird was Großes passieren, du wirst schon sehen".

Der Täter hat per Facebook gezielt versucht, junge Leute zum späteren Tatort zu locken. War München eine Art Winnenden mit anderen Mitteln?

Böckler Gerade wenn Amokläufer eine Rächeridentität annehmen, geht es oft nicht darum, direkte Bekannte zum Opfer zu machen, sondern darum, sich an der gesamten Gesellschaft zu rächen. Genau das war hier der Fall. Deswegen ist es sehr naheliegend, dass es sich um eine Art örtlich verschobenes "school shooting" handelt. Gerade weil er sich offensichtlich stark mit Winnenden beschäftigt hat.

Woraus entnehmen Sie, dass der Täter sich an der Gesellschaft rächen wollte?

Böckler Amokläufer erleben sich in der Regel erst als Opfer, weil sie eigentlich dazugehören wollen und es nicht schaffen. In ihrem Verständnis hat die Gesellschaft sie nicht gelassen. Mit der Zeit kippt die Opferrolle dann immer mehr in Aggression um. In den Manifesten von Amokläufern findet man deshalb auch oft ein Pendeln zwischen Opferrolle und überhöhter Selbstdarstellung im Kontext der geplanten Tat. Hinzu kommt, dass Medienberichte eine große Rolle spielen. Diese suggerieren, dass man mit so einer Tat eine große Handlungsmacht erreichen kann. Nach München haben sich immerhin Peter Altmaier, Barack Obama und  Angela Merkel geäußert. Nachahmer bekommen so den Eindruck, dass Amokläufer zu einer Art Mythos werden können.

Und konkret der Schütze von München?

Böckler Hier gibt das Video sehr viel Aufschluss. Mit dem Satz "Sieben Jahre lang habt ihr mich gemobbt, und jetzt muss ich eine Waffe kaufen, um euch alle abzuknallen" passiert genau diese Legitimation der Gewalt aus einer Opferrolle heraus. Hinzu kommt, dass er die Tat lange geplant hat, was keine Seltenheit ist und den Weg von der Opferrolle zur Rächeridentität unterstützt. Seine Rechtfertigung für die Tat ist: "Ich musste mich verteidigen und allen zeigen, wer ich wirklich bin." Das kommt in dem Gespräch deutlich rüber.

In den vergangenen Tagen hat es in Deutschland diverse spektakuläre Gewaltverbrechen gegeben - von Würzburg über München bis Ansbach. Was sagen Sie dazu, dass alle Täter sehr jung waren?

Böckler Amokläufer sind häufig jung. Immer dann, wenn die Identität noch nicht vollständig gefestigt ist, können Skripte von Amokläufern attraktiv werden. Bei Jugendlichen ist das besonders oft der Fall. Oder wenn jemand in einem fremden Land einen kompletten Neustart versucht und mit dem neuen kulturellen Kontext überfordert ist. In beiden Situationen hilft es den Betroffenen, das innere Gefühl von Ohnmacht durch eine Ideologie zu stabilisieren und zu kompensieren. Sie bekommen dadurch zugleich Erklärungsmuster und einen Schuldigen für alle Probleme, die sie erleben. Die Ideologie wirkt aber auch wie ein Sog in Richtung Gewalt. Je mehr sie sich ihr verschreiben, desto eher werden sie wütend, wenn man sie darauf anspricht, weil sie zunehmend Angst haben, dass jemand hinter die Fassade blickt und erkennt, was wirklich los ist. Zusätzlich reift in ihnen immer mehr die Idee heran, nur dann ein Held zu sein, wenn sie es schaffen, den Anschlag umzusetzen. 

Ein Anschlag ist aber etwas anderes als ein Amoklauf - richtig?

Böckler Das ist eine Frage des Labels. Wenn bei dem Münchner Attentäter kein Amok-Manifest, sondern IS-Unterlagen gefunden worden wären, dann wäre es auch als terroristischer Anschlag durchgegangen. Bei Einzeltätern handelt es sich meistens um einen Amoklauf, der ideologisch aufgeladen ist und bei dem sich psychisch labile Personen einer Ideologie quasi selbst zuordnen. Ob man es Terror oder Amok nennt, ist dann nur ein Namensschild für sehr ähnliche Dynamiken.

(ham)
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