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Deutschland und die Welt
Früher war fast alles schlechter

Analyse: Früher war fast alles schlechter
Schützende Hand: Ein Großteil der Menschen lebt heute sicherer und besser als in der Vergangenheit. FOTO: Brian A Jackson/Shutterstock
Düsseldorf. Trotz aller Kriege und Flüchtlingsströme ist die heutige Welt die friedlichste in der Geschichte der Menschen. Zugleich haben Wohlstand und Lebenserwartung neue Höchststände erreicht. Dafür ist die Ungleichheit gestiegen. Von Martin Kessler

Bürgerkrieg in Syrien, Terroranschläge in Nigeria, Anarchie in Libyen - Hunderttausende sind in den vergangenen Jahren Opfer von Krieg, Terror oder bewaffneten Auseinandersetzungen geworden. Knapp 60 Millionen Menschen sind auf der Flucht, mehrere Tausend unter ihnen suchen jeden Tag Zuflucht in Deutschland. Zugleich leiden fast 800 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung.

Ist die Welt dabei, sich in eine Wüste zu verwandeln, wird sie von Krieg, wirtschaftlicher Depression und Umweltzerstörung beherrscht? Wer die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte und auch Jahrhunderte genau betrachtet, kommt zum gegenteiligen Ergebnis. Die Gefahr, durch Kriege und Verbrechen umzukommen, war nie so niedrig wie heute. Zugleich erleben die Menschen einen noch nie dagewesenen Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, der Bildung und ihrer Gesundheit.

Der in Montreal geborene Harvard-Psychologe Steven Pinker hat das Jahr 2005 zu einem der friedlichsten in der Weltgeschichte erklärt. 17.400 Menschen sind damals als Folge von Krieg, Terror oder bewaffneten Konflikten gestorben, das waren gerade einmal 0,03 Prozent aller Todesfälle in diesem Jahr. Selbst wenn man Morde und alle nicht politisch motivierten Tötungen hinzunimmt, war 2005 bei deutlich weniger als einem Prozent aller Todesfälle Gewalt im Spiel. Das hat sich inzwischen wieder verschlechtert durch die Konflikte im Nahen Osten und nördlichen Afrika. Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten ist die Welt aber weiterhin eine Oase des Friedens.

Der Verhaltensforscher Pinker hat dazu frühere Jahrhunderte sowie Jäger-und-Sammler-Gesellschaften untersucht und kommt zu dem Schluss: Während in solchen Gesellschaften im Schnitt jeder Vierte gewaltsam starb, waren es selbst zu Zeiten der beiden Weltkriege nur drei Prozent. Die Mordraten sinken seit dem 14. Jahrhundert kontinuierlich - soweit sie statistisch zu erfassen sind. In Westeuropa stirbt derzeit sogar nur einer von 100.000 pro Jahr durch die Hand eines Mörders. Das waren in Detroit in den 70er Jahren noch 45, bevor auch in den US-Städten die Zahl der Tötungsdelikte drastisch zurückging. "Der Rückgang der Gewalt dürfte die bedeutsamste und am wenigsten gewürdigte Entwicklung in der Geschichte unserer Spezies sein", meint der Psychologe, der staatliche Strukturen, menschliche Vernunft, das Gewalt-Tabu und die Herrschaft des Rechts für den Rückgang verantwortlich macht.

Besser als jemals zuvor in der menschlichen Geschichte haben sich auch Einkommen, Gesundheit, Lebenserwartung und Bildung in unserer Gesellschaft entwickelt. Nicht nur im wohlhabenden Westen, sondern auch in den aufstrebenden Schwellenländern. Sogar Afrika und große Teile Lateinamerikas haben sich in dieser Hinsicht deutlich verbessert.

Der erst vor wenigen Tagen mit dem Nobelpreis ausgezeichnete US-Wirtschaftswissenschaftler Angus Deaton hat in einer umfassenden Studie festgestellt, dass seit 1960 fast alle Länder dieser Welt reicher geworden sind und ihre Bewohner länger leben. Nur vier von rund 200 Staaten - darunter Liberia und der Kongo - hatten 2010 ein niedrigeres Pro-Kopf-Einkommen als vor 50 Jahren. Die meisten haben es verdoppelt und verdreifacht. "Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich Wohlstand und Gesundheit in der Welt dramatisch verbessert", resümiert der frisch gekürte Nobelpreisträger. Allein in der Volksrepublik China stieg die Lebenserwartung von 50 Jahren (1958) auf jetzt 73 Jahre. Und im einstigen Armenhaus Indien werden die Menschen inzwischen im Schnitt 64 Jahre alt. Selbst in den von Hunger und Seuchen heimgesuchten Regionen Afrikas südlich der Sahara sterben die Menschen mit 55 und nicht mehr, wie vor Jahrzehnten, schon bevor sie das 40. Lebensjahr erreicht haben.

Bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen halten die Mächtigen gern Sonntagsreden oder beschwören trotz eigener Untaten die große Weltgemeinschaft. Doch etliche Ziele, die sich die Uno zum Jahrtausendwechsel gesetzt hat, sind erreicht. Zwar leben noch immer 800 Millionen Menschen in bitterer Armut. Aber 1980 waren es 1,5 Milliarden. Und die Weltbevölkerung hat sich um zwei Milliarden Menschen vermehrt. Die Weltbank hat ausgerechnet, dass derzeit 13,4 Prozent der Menschen mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen. Vor 25 Jahren waren es noch 43,6 Prozent.

Auch die Kindersterblichkeit in den Entwicklungsländern ist seit 1990 um über die Hälfte gefallen. Und selbst in den ärmsten Ländern erhalten rund 70 Prozent der Kinder zumindest eine Grundschulausbildung. Zugleich haben weltweit noch nie so viele Menschen eines Jahrgangs eine Berufs- oder Universitätsausbildung durchlaufen wie heute.

Zu sauberem Wasser haben mehr als 80 Prozent der Menschen inzwischen Zugang, wenn man die ärmeren Teile Afrikas herausrechnet. Und auch das Wachstum des Kohlendioxid-Ausstoßes, das für den Klimawandel verantwortlich gemacht wird, ist von drei auf zwei Prozent gesunken, was natürlich immer noch zu viel ist.

Der "große Ausbruch", wie der Wirtschaftsforscher Deaton diesen Erfolg nennt, hat freilich seinen Preis. Nachdem sich in den 60er und 70er Jahren die Einkommen annäherten, nimmt die Ungleichheit seither wieder zu. In den USA profitieren seit über 40 Jahren nur die Reichen vom wirtschaftlichen Wachstum. Auch in den westeuropäischen Staaten ist die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergegangen. Und die oberen zehn Prozent besitzen rund 80 Prozent des globalen Geldvermögens. Das berge Sprengstoff, warnt Deaton. Denn es sei keinesfalls gesichert, dass die positive Entwicklung ohne Ende weitergehe.

Quelle: RP
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