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Nach den Schüssen von München
Leben mit der Angst

Anschlag in München: Wir brauchen einen rationalen Umgang mit der Gefahr
Einsatzkräfte in Kampfmontur am Tatort in München: Mehr Maß und Mitte FOTO: dpa, bal wok
Meinung | Berlin. Erst Würzburg, dann München: Zwei menschenverachtende Anschläge innerhalb einer Woche verändern eine Gesellschaft. Wir werden uns eine rationale Haltung zur ständigen Bedrohung zulegen müssen.  Von Eva Quadbeck

Die schreckliche Bluttat von München führt uns einmal mehr vor Augen, dass Terroristen und Amokschützen überraschend und fast überall zuschlagen können. Das ist eine bittere Erkenntnis. Die Gesellschaft muss lernen, mit der Angst zu leben und mit der Unsicherheit umzugehen - ohne in Hysterie zu verfallen.

Trauer um Opfer des Amoklaufs in München FOTO: dpa, shp sab

Doch wie soll das funktionieren? Zwei grausame Anschläge binnen einer Woche, wie nun in Würzburg und München geschehen, verändern eine Gesellschaft. Es ist unerheblich, ob die eine Tat ein Terrorakt und die andere eher doch ein Amoklauf war. Die Gefahr ist bei uns. Jede dieser Bluttaten birgt das Risiko der Nachahmung. In Folge solcher Angriffe sind die Sicherheitsbehörden stets besonders alarmiert, weil sich Schläfer und potenzielle Täter herausgefordert fühlen können, nun auch selbst zuzuschlagen. Die ständige Bedrohung, die vermutlich noch über Jahre bestehen bleibt, wird unsere freie Gesellschaft nur ertragen können, wenn wir eine Balance aus Sicherheit und Selbstbewusstsein finden. 

Braucht Deutschland also mehr Sicherheit und Überwachung? Bislang waren wir in dieser Frage immer sehr wankelmütig. Nach Terroranschlägen riefen Politik und Öffentlichkeit nach schärferen Gesetzen sowie nach mehr Präsenz der Sicherheitskräfte auf den Straßen und im Internet. In ruhigeren Zeiten lehnen wir alles ab, was den Ruch der Überwachung hat.

In diesen Fragen muss mehr Maß und Mitte einkehren. Wir brauchen dringend einen rationalen Zugang zur Gefahr. Israelische Verhältnisse sollten wir nicht einziehen lassen.  Mehr Präsenz von Sicherheitskräften ist dennoch nötig. Das wird die Polizei wohl nicht alleine schaffen können. Auch Einkaufszentren wie das in München müssen besser geschützt werden - zum Beispiel von gut geschulten privaten Sicherheitsdiensten.

Die Polizei wiederum braucht für das Aufspüren und Verfolgen von Straftätern in sozialen Netzwerken viel mehr Fachleute. Die Sicherheitsdienste benötigen zudem mehr Spezialisten, die erfahren, was in Moscheen gepredigt wird und ob in Flüchtlingsunterkünften Salafisten Einfluss nehmen. Das sind Maßnahmen, die Politik, Behörden und private Unternehmen ergreifen können, ohne dass die Gesetze verschärft werden.

Anschläge und Amokläufe in Deutschland seit 2002

Unterdessen appelliert der Innenminister, im privaten Bereich wachsam zu sein - Aufrufe, die die Grenzen dessen zeigen, was der Staat für die Sicherheit seiner Bürger leisten kann. Vor radikalisierten oder verrückten Einzeltätern gibt es keinen umfassenden Schutz. Daher müssen tatsächlich Eltern, Geschwister, Freunde und Nachbarn - insbesondere die aus islamischen Ländern zugewanderten - genau hinschauen, ob sich die Menschen in ihrem Umfeld radikalisieren. Und im Zweifel Alarm bei den Behörden schlagen.

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