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Anti-Food-Blog
Der Altenheimbewohner, der sein Ekelessen fotografiert

Fünf Ekelessen aus dem Altenheim
Fünf Ekelessen aus dem Altenheim FOTO: privat
Nürnberg. Food-Blogs zeigen normalerweise Essen, das zumindest schön aussieht. Doch was der Bewohner eines Nürnberger Altenheims fotografiert, will er nicht essen. Doch er hat keine Wahl. Von Sebastian Dalkowski

Das, was der Mann vor sich auf dem Teller liegen hat, soll angeblich Essen sein – aber es sieht aus, als habe es bereits jemand verdaut. Lieblos hingeklatschtes grünes Püree, beigefarbenes Püree und braunes Püree teilen sich den Platz. Das soll sein Mittagessen sein. Bevor der Mann es trotzdem isst, drückt er auf den Auslöser seines Handys. Wenig später landet es bei Facebook auf der Seite "Jürgen fotografiert sein Essen". Wie so viele andere Fotos, die er von seinem Essen macht.

Jürgen will anonym bleiben, weil er sonst Ärger bekommen könnte. Mit dem Altenheim, das ihm so ein Essen aus der hauseigenen Großküche jeden Tag vorsetzt. Jürgen ist 63, das Heim steht in Nürnberg und gehört zu einer Kette mit 17.000 Betten. Jürgen ist Frührentner, hat eine Lungenkrankheit und lebt seit zwei Jahren dort. Weil er kaum noch laufen kann, liegt er meist im Bett. Früher war er DJ, ein Freigeist, das Altenheim ist nicht der Ort, an dem er sich wohlfühlt.

Das Essen muss für alle reichen

Eines Tages fragte er beim Essen, ob es noch einen Nachschlag gebe. Die Antwort: Nein, es müsse für alle reichen. Da fing er an, das Essen, das nicht einmal so aussieht, zu fotografieren und auf seine private Facebook-Seite hochzuladen. Und weil er Mitglied der Satire-Partei "Die Partei" ist, bekamen andere Parteimitglieder das mit, und eine von ihnen, die Österreicherin Eva Patricia Rußegger, 35, schlug ihm vor, eine eigene Facebook-Seite einzurichten, die sie nun auch für ihn betreut.

Nach gerade mal drei Tagen gefällt das schon mehr als 1600 Personen beziehungsweise es gefällt ihnen eben nicht, was sie dort sehen. Meist püriertes Essen in unterschiedlichen Farben und das, obwohl Jürgen noch beißen und schlucken kann. Doch auf individuelle Wünsche könne das Heim nicht eingehen, sagt Rußegger.

Mit der Website möchten Jürgen und Rußegger die Probleme in der Pflege in die Köpfe der jungen Leute bringen. Das Essen ist nur ein Symptom dafür. Denn um das Essen etwas liebevoller zu servieren, fehlt den Mitarbeitern die Zeit. "Man kann mit Menschen, die auf andere Menschen angewiesen sind, keinen Profit machen", sagt Rußegger. Sie hofft auch, dass sich mehr Leute ehrenamtlich in Altenheimen engagieren. Und sie hofft, dass es für Jürgen eine Möglichkeit gibt, ihn anderswo besser unterzubringen. Wenn er weiter sein so genanntes Essen fotografiert, dürften sich zumindest Leute finden, die etwas für ihn kochen, das den Namen auch verdient.

Hier geht es zu einigen Bildern des Ekelessens.

 
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