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Pöbeleien vor Asylunterkunft in Clausnitz
Innenminister will Polizei-Einsatz "umgehend auswerten"

Clausnitz. Hässliche Bilder aus Sachsen haben am Freitag die Runde im Internet gemacht. Rund 100 Bürger blockierten am Donnerstagabend die Einfahrt zu einer Asylunterkunft in Clausnitz. Sie skandierten "Wir sind das Volk" und pöbelten gegen die Flüchtlinge. Inzwischen ist ein neues Video aufgetaucht, das auch Fragen am Vorgehen der Polizei laut werden lässt. Von Christian Sieben und Isabella Schütz-Worszeck

Der kurze Videoclip verbreitete sich am Freitagnachmittag in den sozialen Netzwerken. Zu sehen ist der Bus vor der Unterkunft. Im vorderen Bereich des Fahrzeugs stehen zwei verängstigt wirkende Jungen. Deutlich sind die Rufe der Menschenansammlung zu hören. "Ab nach Hause", wird immer wieder skandiert. Ein Polizist betritt den Bus. "Komm, wir gehen jetzt raus, komm", ist zu hören. Ob der Polizist diesen Satz sagt, lässt sich nicht mit Sicherheit ausmachen.

 

Polizei Sachsen in #clausnitz ... Umgang mit verängstigten Flüchtlingskindern. #kaltland

Posted by Frank Stollberg on  Freitag, 19. Februar 2016

Als der vielleicht zehnjährige Junge weiter zögert, fasst der Beamte ihn fest an den Schultern und trägt das Kind aus dem Bus. In diesem Moment jubelt die Menge und skandiert lauthals "Hey Hey Hey" – wie Fans im Fußballstadion.

Das Video wurde bei Facebook mehr als 2700 Mal geteilt (Stand: 19. Februar 2016, 18 Uhr) und löste heftige Reaktionen bei den Nutzern aus. "Elende Schande" ist zu lesen oder: "Ich empfinde nur noch Wut". Ein großer Teil der wütenden Reaktionen bezieht sich auf das Verhalten der Pöbler. Einige Kommentatoren empören sich auch über das Verhalten des Polizisten. Ein Nutzer will Anzeige gegen den Beamten erstatten. Zudem wird die Frage gestellt, warum die Polizei die Menge nicht zurückdrängte, um dem verängstigten Jungen das Aussteigen zu erleichtern.

Ob das Verhalten der Polizei Konsequenzen haben wird, bleibt vorerst offen. Am Abend ließ Innenminister Markus Ulbig (CDU) per Pressemitteilung ausrichten: "Ich habe mir das Video angesehen. Die Bilder sprechen ihre Sprache. Das Innenministerium wird den Einsatz der Polizeidirektion Chemnitz mit allen Beteiligten umgehend auswerten. Erst dann können wir Konsequenzen ziehen."

Zuvor hatte bereits ein erstes Video aus Clausnitz Empörung ausgelöst. Auch hier sieht man die grölende Menge, die den Busfahrer an der Weiterfahrt hindern wollten. Zahlreiche Nutzer verbreiteten das Video bei Youtube – unter anderem der Entertainer Jan Böhmermann.

Die Polizei Sachsen bezog ebenfalls bei Facebook Stellung. Es sei nicht hinnehmbar, was in Clausnitz passiert sei, heißt es dort. Und weiter: "Wir haben verhindern können, dass es zu körperlichen Auseinandersetzungen oder Verletzten kommt, wenngleich wir psychische Folgen eines solchen Ereignisses schwer verhindern können". Man habe 13 Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht aufgenommen.

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