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Die entstehende neue Missbrauchsstudie der Kirche
Aufarbeitung mit Lücken

Die entstehende neue Missbrauchsstudie der Kirche: Aufarbeitung mit Lücken
Im Schnitt erhielten die Opfer eine Entschädigung in Höhe von 5000 Euro. FOTO: dpa, ppl;cse tmk
Meinung | Berlin. Seit drei Jahrzehnten rückt das Thema des sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener durch Priester mehr und mehr in den Vordergrund. Sehr langsam, aber offenbar auch sehr gründlich, geht die Bischofskonferenz dem jetzt auf den Grund. Von Gregor Mayntz

Vor fünf Jahren blickte die Öffentlichkeit mit fassungslosem Entsetzen in die Abgründe sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule. Seit fünf Jahren bemüht sich die katholische Kirche nun, aus dem Strudel von Verdächtigungen, Pauschalisierungen und wahren Beschreibungen herauszukommen. Der seit Jahrzehnten immer wieder aufgekommene Vertuschungsverdacht schien sich zu bestätigen, als die Bischöfe die von ihnen bestellte externe Aufarbeitung durch den bekannten Kriminologie-Professor Christian Pfeiffer stoppten und dieser das Scheitern mit Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche begründete.

Nun ist ein neuer Anlauf auf dem Weg. Ob die Wissenschaftler aus Mannheim, Heidelberg und Gießen einen Durchbruch erreichen, muss sich erst noch zeigen. Sie stehen, wie sie am Donnerstag beschrieben, vor dem Dilemma, dass die vorliegenden Studien Kindesmissbrauch ansiedeln zwischen vier und 34 Prozent der Jungen und Mädchen, dass sie den Ort der Tat mal zu 25 Prozent, mal zu 95 Prozent im häuslichen Bereich der Betroffenen angeben. Hier dürfte wenig zusätzliche Klarheit zu erwarten sein.

Wie entdeckt man, ob ein Kind missbraucht wird? FOTO: AP

Deutlich optimistischer sind die Erwartungen an die bereits seit Monaten laufenden intensiven Interviews mit Betroffenen. In bis zu vier Stunden Gespräch wollen die Wissenschaftler von Tätern und Opfern erfahren, was sie erlebt haben und wie es dazu kommen konnte. Damit liefert die Wissenschaft wichtige Hinweise für die Schulung des Kirchenpersonals. Nach der aktuellen Zwischenbilanz sind 75 Prozent innerhalb der Ausbildung sensibilisiert worden. Das klingt gut, beweist aber schier Unglaubliches: Dass jeder vierte Priester, Diakon oder männliche Ordensangehörige auch ein halbes Jahrzehnt "nach Odenwald" immer noch nicht von den Präventionsprogrammen der Kirche erreicht wurde. Und dass einzelne Priesteramtsabsolventen auch heute noch berichten, im Rahmen ihrer Ausbildung nie auf diesen Aspekt hingewiesen worden zu sein, zeigt das wahre Ausmaß der immer noch bestehenden Defizite.

Von Vertuschung kann in der Auseinandersetzung mit den konkreten Taten aber offenbar immer weniger die Rede sein. Wenn die Kirche selbst bekannt gibt, dass inzwischen 1500 Anträge auf finanzielle Entschädigung geprüft und in 95 Prozent der Fälle die Empfehlung ausgesprochen worden sei, im Schnitt 5000 Euro, teilweise auch sehr viel größere Summen zu zahlen, dann zeugt das zumindest von der Bereitschaft zum Schuldeingeständnis. Die frühere Praxis, Probleme mit Geldzahlungen und Schweigen zu begegnen, wird inzwischen ergänzt durch öffentliche Distanzierungen und die Arbeit von Missbrauchsbeauftragten in jedem Bistum.

Missbrauch-Skandal an der Odenwaldschule FOTO: ddp

Wie weit die Kirche bereit ist, ihre eigenen Traditionen infrage zu stellen, lässt sich bereits erahnen, bevor die eigene, mit Millionenaufwand erstellte Studie fertig ist: Unter den möglichen Ursachen soll das verlangte Gelübde der Ehelosigkeit keine besondere Rolle spielen. Individuelles Fehlverhalten soll erfasst und aufgearbeitet werden. Schließlich gebe es bereits Untersuchungen, wonach das Ausmaß an Kindesmissbrauch unter katholischen Priestern nicht größer sei als unter evangelischen Geistlichen oder Trainern.

Die These zu überprüfen, dass sexueller Missbrauch tatsächlich nichts mit erzwungener sexueller Enthaltsamkeit zu tun haben soll, wäre sicherlich auch im Interesse der katholischen Kirche. Damit liegt auf der Hand, dass auch nach Vorliegen der intensiven Studie im Auftrag der Bischöfe weitere wissenschaftliche Untersuchungen nötig sind.

Chronik zum Missbrauch an Jesuitenschulen FOTO: APN
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