40 Jahre nach dem Tod von Benno Ohnesorg: "Aus dem Gesocks 'ne Leberwurscht machen"
zuletzt aktualisiert: 01.06.2007 - 09:11Berlin (RPO). Benno Ohnesorg starb durch eine Polizeikugel. Sie tötete ihn am 2. Juni 1967 in West-Berlin. Ohnesorg nahm an einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Rezah Pahlewi in Bonn und West-Berlin teil. Schlagartig eskalierte die schwelende studentische Protestbewegung, die bald fast alle Universitätsstädte erfasste.
Die Grundlage für die nachfolgende Bewegung der "68er" wurde gelegt. Später erinnerte die RAF-nahe "Bewegung 2. Juni" mit ihrem Namen an den Todestag Ohnesorgs.
Polizeipräsident Erich Duensing hatte im Auftrag des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, Heinrich Albertz (SPD), zum Besuch des iranischen Staatsoberhauptes die höchste Alarmstufe ausgerufen. Vor der Deutschen Oper in der Bismarckstraße, wo dem Kaiserpaar Mozarts "Zauberflöte" vorgeführt wurde, herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Tausende Demonstranten protestierten lautstark gegen das autoritäre Regime des Monarchen, warfen Eier und Tomaten.
Ermuntert von den Worten des Polizeichefs, "aus dem Gesocks heute noch 'ne Leberwurscht zu machen", jagten Greiftrupps mit Wasserwerfern und Schlagstöcken die Studenten. Dazu schlugen eingeflogene "Jubelperser" mit Knüppeln auf die Demonstranten ein.
In der aufgeheizten Situation - auch in Bonn waren Straßen und selbst der Rhein für den Verkehr gesperrt, ganze Gebäude geräumt und von Polizisten besetzt worden - geschah das Unfassbare: Ohne ersichtlichen Grund erschoss ein völlig überforderter Beamter, der später freigesprochene Polizeiobermeister Karl Heinz Kurras, den in einen Hinterhof geflüchteten Studenten Ohnesorg.
Trauermärsche, zu denen die Studenten am nächsten Tag aufriefen, wurden von der Polizei unterbunden. Der Westberliner Senat erließ ein striktes Demonstrationsverbot und ordnete die Bildung von Schnellgerichten an. Als eine Protestversammlung in der Freien Universität stattfinden sollte, umstellte die Polizei das Gelände. Der Schah galt als unantastbar: Sein Land war dabei, sich mit Milliarden-Rüstungseinkäufen aus den USA und der Hilfe Zehntausender US-Berater als verlässlicher Partner des Westens zu präsentieren.
Die Studentenproteste waren Bestandteil der in jenen Jahren über die Hochschulen hinaus wachsenden "Außerparlamentarischen Opposition" (APO). Sie sollte vor allem die nicht zu spürende Parlamentsopposition ersetzen, die sich seit Ende 1966 mit der Bildung der Großen Koalition auf die kleine FDP-Bundestagsfraktion beschränkte.
Vorbild war die amerikanische Studentenbewegung, die gegen den Krieg der USA in Vietnam opponierte und gleiche Bürgerrechte für die schwarzen US-Amerikaner forderte.
Der Protest der heranwachsenden Generation galt zunächst den verkrusteten Hochschulverhältnissen. Die Hochschüler skandierten: "Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren." Ins Visier geriet vor allem das "Establishment", die konservativen Eliten, die für die restaurativen Tendenzen in der Bundesrepublik verantwortlich gemacht wurden.
Ein Reizthema bildete auch die ausgebliebene gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen erneut agierenden Amtsträgern.
Ab 1970 zerfiel die Protestbewegung, Teile drifteten in den Linksradikalismus oder den Terrorismus der RAF ab. Manche der "68er" traten den "Marsch durch die Institutionen" an und mauserten sich zu wackeren Realpolitikern. Aber noch 1967 mussten die politischen Hauptakteure beim Westberliner Schah-Besuch "wegen schwerer Versäumnisse" - so ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss - die Konsequenzen ziehen: Polizeipräsident und Ex-Wehrmachtsgeneral Duensing sowie Innensenator Wolfgang Büsch (SPD) traten im September zurück.
Wenige Tage später stellte auch Albertz sein Bürgermeisteramt mit den Worten zur Verfügung: "Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war, in jener Nacht des 2. Juni, weil ich dort objektiv das Falsche tat."
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