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Flüchtlinge in Deutschland
Was nach dem Anschlag von Würzburg passieren muss

Mann greift Reisende in Regionalzug an
Mann greift Reisende in Regionalzug an FOTO: ap, fpt
Meinung | Würzburg. Mit dem Amoklauf von Würzburg ist das Kalkül der IS-Miliz aufgegangen, den Dschihad durch verführbare, sich selbst radikalisierende Einzeltäter auf deutsche Straßen zu bringen. Das hat Auswirkungen auf eine extrem schwierige Debatte. Von Gregor Mayntz

Befürchtet hatten es die Sicherheitsbehörden seit langem: Dass sich da auch in Deutschland ein junger Muslim im stillen Kämmerlein radikalisiert, zu Waffen greift und sich mit dem Ruf "Allahu Akbar" auf "Ungläubige" stürzt. Dagegen hilft keine Beobachtung von noch so vielen potenziellen Gefährdern, wenn er als solcher vorher nicht in Erscheinung tritt. Und es hilft auch keine noch so intensive nachrichtendienstliche Überwachung von Terrornetzwerken, wenn er überhaupt nicht dazu gehört. Genau da manifestiert sich die von Experten vielfach zitierte Unmöglichkeit von hundertprozentiger Sicherheit. 

Jeder, der sehen will, kann leicht erkennen, dass der Täter von Würzburg nicht für die vielen, vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge steht, die in den Städten und Dörfern Deutschlands gerade Fuß fassen. Die in den Schulen Anschluss finden, in den Sportvereinen Freunde, in den Familien bleibende Beziehungen. Aber es ist auch klar, dass die schreckliche Bluttat Unmengen frischen Wassers auf die Mühlen der AfD bringt. Prompt schieben erste Funktionäre die Verantwortung für die Sicherheitslage in Deutschland im Zusammenhang mit dem Amoklauf ins Kanzleramt. Und auch in der Union erinnern Kritiker der letztjährigen Flüchtlingspolitik daran, dass Deutschland zeitweise nicht mehr gewusst habe, wer denn da eigentlich ins Land komme. Dieser Kontrollverlust räche sich nun.

Wir brauchen eine redliche Debatte

An dieser Stelle müsste eine redliche Debatte ansetzen. Der erschossene minderjährige Täter von Würzburg wurde registriert und von den Entscheidern des Flüchtlingsbundesamtes überprüft. Als Ergebnis durfte er nach Recht und Gesetz in Deutschland bleiben. Damit handelt es sich um einen typischen individuellen Einzelfall, für den das Asylrecht gemacht wurde. Er hätte auch völlig unabhängig von der letztjährigen Flüchtlingsdynamik Schutz in Deutschland gefunden und hat damit nicht das Geringste mit einem "Kontrollverlust" zu tun.

Um solche Feinheiten wird sich der laute Teil der Debatte nicht scheren. Scharfmacher finden stattdessen reichlich Ansatzpunkte, um Ängste schüren und die islamistische Tat eines irregeleiteten Jungen als generelle islamische Gefahr ausschlachten zu können. Es ist nur natürlich, dass nach einer derart schrecklichen Tat die Verunsicherung wächst. Genau so ist es, wenn ein verwirrter junger Mann eine ihm völlig unbekannte Frau vor die U-Bahn stößt. Auch dann ist die Neigung groß, nach größerem Schutz, nach Wegschließen von unzurechnungsfähigen Personen zu rufen. Letztlich überwiegt nach dem ersten Schock aber die Überlegung, dass es eine hundertprozentige Sicherheit vor unberechenbarer Gewalt nicht geben kann.

Es besteht nun die Gefahr, dass eine solche Differenzierung nach Würzburg unter die Räder kommt, dass Mitgefühl, Anteilnahme und Schmerz instrumentalisiert werden, um dem Rassismus Nahrung zu geben. Darauf kann es nur eine Antwort geben: strikt von der Wirklichkeit ausgehen. Und das bedeutet, die Vorgänge genau aufklären, mögliche Fehler und Versäumnisse im Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen analysieren und Konsequenzen daraus ziehen. Es war immer klar, dass die Flüchtlingsdynamik zu einer immensen Herausforderung wird, dass es bei der Lösung Fortschritte und Rückschläge geben wird.

Die Würzburger Bluttat war ein Rückschlag, ein großer.

(may-)
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