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Axt-Angriff in Regionalzug
Was wir über die Attacke wissen

Axt-Attacke in Würzburg: Was wir über die Tat wissen
Polizisten an der Bahnstrecke bei Würzburg FOTO: afp, DR
Düsseldorf. Amoklauf oder politisch motivierte Tat? – Das fragen sich die Ermittler am Tag nach dem Axt-Angriff auf Touristen aus Hongkong in einem Regionalzug bei Würzburg. Diese Fragen müssen die Ermittler jetzt klären.  Von Franziska Hein

Wer ist der Täter? 

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Polizei Unterfranken und des Landeskriminalamts Bayern handelt es sich um einen 17-Jährigen aus Afghanistan. Er soll sich seit zwei Jahren in Deutschland aufhalten und seit einem Jahr als Asylbewerber registriert sein. Seit März lebte er in einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Landkreis Würzburg. Das teilte der bayerische Innenminister Joachim Hermann Dienstagfrüh in der Fernsehsendung ZDF-Morgenmagazin mit. Demnach soll der 17-Jährige seit zwei Wochen in einer Pflegefamilie gewohnt haben, die sich um ihn kümmern wollte. Die Familie wird derzeit von den Ermittlern befragt. Er soll gerade ein Praktikum gemacht haben mit der Aussicht auf eine Lehrstelle, das teilte die bayerische Sozialministerin Emilia Müller mit. Als gesichert gilt mittlerweile, dass er allein im Zug unterwegs war und keine Komplizen bei ihm waren.

Mann greift Reisende in Regionalzug an FOTO: ap, fpt

Was ist passiert? 

Um 21.15 Uhr ging nach Aussage von Gerrit Gottwald, Sprecher des bayerischen Landeskriminalamts, der erste Notruf aus der Regionalbahn zwischen Treuchtlingen und Würzburg ein. Der 17-Jährige war nach bisherigen Ermittlungsstand mit einer Axt und einem Messer bewaffnet auf eine Touristengruppe aus Hongkong losgegangen. Über die Waffen sei bisher nichts weiter bekannt, gibt das Landeskriminalamt an. Etwa 20 bis 30 Passagiere hielten sich auch im Zug auf. Einer von ihnen zog die Notbremse, so dass der Zug auf freier Strecke zwischen den Haltepunkten Winterhausen und Würzburg-Süd zum Stehen kam.

Daraufhin floh der Täter in die Böschung, er verletzte noch eine Frau, die nicht im Zug gesessen hatte. Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) verfolgte und stellte ihn. Die Beamten erschossen den 17-Jährigen, nachdem dieser sie attackiert haben soll, sagt LKA-Sprecher Gottwald. "Was sich im Zug zugetragen hat, müssen die Zeugenbefragungen erst noch ergeben." Der Täter wohnte zuletzt in Ochsenfurt, einem Ort mit einem Haltepunkt auf der Bahnstrecke. Vermutlich ist er dort auch zugestiegen. Gegen 20 Uhr soll er am Montagabend das Haus seiner Pflegefamilie verlassen haben. 

Wer sind die Opfer? 

Landeskriminalamt und bayerisches Innenministerium bestätigen, dass eine vierköpfige chinesische Familie und ein Freund Opfer des Angriffs wurden. Nachdem der 17-Jährige den Zug verlassen hatte, verletzte er außerdem eine Frau schwer. Drei Menschen schwebten am Dienstag laut Würzburger Uniklinik in Lebensgefahr. 

Laut chinesischen Medienberichten kommt die chinesische Familie aus Hongkong. Der Vater (62), die Mutter (58), die Tochter (27) und deren Freund (31) verletzte der Täter schwer. Der 17-jährige Sohn der Familie sei unverletzt geblieben. Das berichtet die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf eine amtliche Quelle. Die Touristenfamilie saß zufällig in dem Regionalzug. Das sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Dienstag bei einer Pressekonferenz in München.

Warum war ein SEK vor Ort? 

"Das war reiner Zufall", sagt LKA-Sprecher Gerrit Gottwald. Das SEK habe einen anderen Einsatz in der Nähe gehabt. Das sei normal und behördlicher Alltag. "Das war ein glücklicher Umstand." Die Süddeutsche Zeitung berichtete am Dienstag, das SEK sei wegen eines Einsatzes gegen Drogendealer in der Nähe gewesen. 

Gehen die Ermittler von einem islamistischen Hintergrund aus? 

Schon der erste Anrufer soll laut Aussage des bayerischen Innenministers den Beamten in der Polizeileitstelle von "Allahu akbar"-Rufen ("Gott ist groß") berichtet haben. Bei der Durchsuchung des Zimmers, in dem der jugendliche Täter in den vergangenen Tagen gewohnt hat, haben die Ermittler eine handgemalte IS-Flagge gefunden. Am Dienstagmorgen verkündtete der IS, beim Täter handele es sich um einen seiner "Kämpfer". Nachprüfen lässt sich diese Behauptung derzeit nicht. 

Die Ermittler versuchen über die Befragung des sozialen Umfelds herauszufinden, ob es Anzeichen für eine Radikalisierung gegeben hat. "Die Abteilung Staatsschutz ermittelt", sagte der LKA-Sprecher. "Das Motiv ist sehr undurchsichtig." 

Im Fall des Anschlags von Nizza seien die Bezüge zum radikalen Islam klarer als bei der Axt-Attacke von Würzburg, sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann in einer Pressekonferenz am Dienstag. Noch stehe nicht fest, inwiefern der 17-jährige Afghane Teil eines terroristischen Netzwerks gewesen sei. Nach Angaben Herrmanns hat der Täter möglicherweise einen Abschiedsbrief hinterlassen. Es gebe ein Schriftstück, das nach erster Durchsicht als "Abschiedstext an den Vater" interpretiert werden könnte, sagte der bayerische Innenminister. Der junge Mann aus Afghanistan habe auf Paschtu auch einen Text über das Leben der Muslime verfasst, wonach sich die Muslime zur Wehr setzen müssten. Die Ermittler werten diesen Text wohl als Hinweis auf eine mögliche Radikalisierung in jüngster Zeit. 

Wie gehen die Ermittlungen weiter? 

"Derzeit laufen zwei Ermittlungsverfahren", erklärt Gerrit Gottlob vom bayerischen LKA. Zum einen wird ermittelt, wer der Täter war, welche Motive er hatte und wie genau die Tat passiert ist. Zum anderen ermittelt das Landeskriminalamt wegen des Schusswaffengebrauchs. "Es ist zu prüfen, ob es richtig war, den Täter zu erschießen." Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann sagte in einer Pressekonferenz am Dienstagmittag, der 17-Jährige habe sich "aggressiv" gegen die Beamten verhalten, bevor sie ihn erschossen haben.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast kritisierte die Polizei dafür, dass sie den Täter erschossen und nicht "angriffsunfähig" geschossen hat. 

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft warf Künast "Klugscheißerei" vor. "Wenn Polizisten in der Form angegriffen werden, werden sie sich nicht auf Kung Fu einlassen. Das endet dann bedauerlicherweise manchmal mit dem Tod des Täters, ist aber nicht zu ändern", sagte Rainer Wendt der "Saarbrücker Zeitung".

(heif )
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