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Villingen-Schwenningen
Unbekannte werfen Handgranate auf Flüchtlingsunterkunft

Baden-Württemberg: Unbekannte werfen Handgranate auf Flüchtlingsunterkunft
Feuerwehrleute vor der Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen. FOTO: ap
Villingen-Schwenningen. In Villingen-Schwenningen haben Unbekannte einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt. Sie warfen eine Handgranate auf das Gelände. Justiz- und Innenminister fordern scharfe Strafen. Die Polizei hat eine Soko mit 75 Beamten eingesetzt.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa landete die scharfe Handgranate in der Nacht zum Freitag auf dem Gelände der sogenannten bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle im Schwarzwald-Baar-Kreis. Der Sicherheitssplint war gezogen, die Granate explodierte jedoch nicht. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Die Handgranate sei gegen 1.15 Uhr von der Straße aus über den Zaun in eine Zufahrt des Geländes geworfen worden, sagte der Leiter der Sonderkommission "Container", Rolf Straub. Ein Sicherheitsmann bemerkte die Granate gegen 1.30 Uhr auf dem Boden und alarmierte die Behörden. Die Polizei sperrte das Gelände und angrenzende Straßen weiträumig ab. Die Granate wurde von Entschärfern gesprengt.

Noch ist unklar, ob die Kriegswaffe einen Zünder hatte und damit tatsächlich scharf war. "Es steht fest, dass sie mit Sprengstoff gefüllt war", sagte Johannes-Georg Roth, Leiter der Staatsanwaltschaft Konstanz, auf einer Pressekonferenz in Villingen-Schwenningen am Freitag. "Ob ein Zünder verbaut war, ist bisher nicht bekannt. Das ist die entscheidende Weichenstellung."

Der Experte des Landeskriminalamtes, Andreas Stenger, erklärte, von einer scharfen Granate könne nur gesprochen werden, wenn sowohl Sprengstoff als auch Zünder vorhanden seien. Aus Polizeikreisen hatte es zunächst geheißen, die Handgranate sei scharf gewesen.

Die Polizei hat eine Sonderkommission eingerichtet. In der "Soko Container" ermittelten 75 Beamte sagte Dietmar Schönherr, Leiter der Kriminaldirektion Rottweil, am Freitag in Villingen. Es ist bundesweit der erste Sprengstoff-Angriff auf Flüchtlinge. "Bis jetzt hatten wir zwar mehrere Fälle, in denen Pyrotechnik verwendet wurde", sagte eine Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden. "Dass nun eine Kriegswaffe zum Einsatz gegen eine Flüchtlingsunterkunft kam, ist neu."

In der Unterkunft leben nach Auskunft des Regierungspräsidiums Freiburg 104 Flüchtlinge aus mehreren Ländern, 39 davon aus Syrien, weitere Flüchtlinge stammten aus Afghanistan, Irak und Albanien.

De Maizière: Wurf war "feiger" Angriff

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat den Wurf der Granate als "feigen" Angriff bezeichnet. Die Attacke in der Nacht mit dem Sprengsatz, der jedoch nicht explodiert war, sei "inakzeptabel", sagte de Maizière am Freitag dem Sender N24. Er setze nun auf schnelle Ermittlung und eine Anklage gegen die Urheber des "infamen" Angriffs.

Er verstehe die Sorgen und Kritik der Bürger in der Flüchtlingsdebatte, sagte de Maizière weiter. "Aber bei Gewalt hört es dann auf", stellte der Minister klar. Die Bundesregierung wolle weder, dass Asylbewerber straffällig werden, noch dass gegen diese Straftaten begangen würden.

Maas erschüttert über Handgranaten-Anschlag auf Asylunterkunft 

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat sich erschüttert über den Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Baden-Württemberg mit einer Handgranate gezeigt. "Das Ausmaß der Gewalt ist erschreckend", erklärte Maas am Freitag in Berlin. "Wir können alle nur dankbar sein, dass dieses Mal niemand verletzt wurde." Die Täter dürften nicht ungestraft davon kommen. "Sie müssen konsequent ermittelt und bestraft werden", forderte Maas.

"Der Anstieg von Angriffen gegen Flüchtlinge, Helfer oder Polizisten ist insgesamt dramatisch", erklärte Maas. Die "neue Qualität der Hetze und Gewalt" müsse allen Demokraten ein Ansporn sein, noch entschiedener für eine offene und tolerante Gesellschaft einzutreten. "Sprengkörper auf Flüchtlingsheime fliegen heute schon, wir dürfen nicht abwarten, bis es die ersten Toten gibt", mahnte der Justizminister.

"Also das ist wirklich unfassbar, dass jetzt schon mit Handgranaten - quasi mit militärischen Waffen - auf Asylsuchende losgegangen wird", sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf nannte die Attacke einen "Anschlag gegen die Menschlichkeit". Die Tat müsse mit der ganzen Härte des Rechtsstaates bestraft werden. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck, innenpolitischer Sprecher, bezeichnete die Tat als "Straßenterror" und forderte einen Gipfel im Kanzleramt mit Diskussionen, "die am Wohl und Schutz der Flüchtlinge orientiert sind und nicht nur an deren Abwehr".

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter erklärte, Deutschland müsse "diesen neuen rechten Terror sehr ernst nehmen". Die Gewalt gegen Zuwanderer habe in den vergangenen Monaten eine "neue Qualität erreicht", gegen die es entschlossen vorzugehen gelte. Dazu gehöre auch, genauer hinzuhören, "wer mit welchen Parolen dem Rechtsextremismus in Deutschland Vorschub leistet", mahnte Hofreiter. Vorurteile gegen Flüchtlinge zu schüren bereite den Nährboden für rechte Gewalt.

Bernd Riexinger, Vorsitzender der Linkspartei, forderte von Baden-Württembergs Landesregierung eine Erklärung, wie es möglich sei, Handgranaten zu besitzen und "ungehindert zum Einsatz zu bringen". Er konstatierte, die Flüchtlingsdebatte habe ein "erschreckendes Ausmaß menschenverachtendem Gedankenguts bis in die Mitte der Gesellschaft hinein offenbart".

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sagte "Spiegel Online", Handgranaten seien "Kriegswaffen". Wer diese gegen Flüchtlingsunterkünfte werfe, sei ein "Terrorist". Den Tätern gehe es darum, ohne Rücksicht auf Menschenleben Angst und Schrecken zu verbreiten. Politik und Gesellschaft seien deshalb gefordert, sich klar dagegen zu positionieren.

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler, sagte dem Sender "SWRinfo", die Polizei brauche eine deutliche Aufstockung, um dem Anstieg rechter Gewalt entgegenzutreten. Das sei allein daran zu erkennen, dass seine Kollegen "im Januar so viele Überstunden aufbauen werden wie in den vergangenen zehn Jahren nicht". Er versicherte jedoch, dass jede Spur intensiv verfolgt werde.

 

(felt/das/dpa/dafi/afp)
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