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Für ein würdevolles Sterben
Begleiter für die letzten Stunden

Hintergrund: Leserdebatte: Sterbehilfe legalisieren?
Hintergrund: Leserdebatte: Sterbehilfe legalisieren? FOTO: ddp
Dormagen. Sterbebegleiter sorgen dafür, dass Menschen in der Stunde ihres Todes nicht alleine sind. Ihr Einsatz wird in der alternden Gesellschaft immer wichtiger. Zugleich wächst bei vielen der Wunsch, das Lebensende selbst zu bestimmen. Von Jasmin Buck

Die 94 Jahre alte Dame hat Angst. Vor Schmerzen. Vor dem dunklen Loch in der Erde. Vor dem Tod. "Ich will nicht sterben", sagt sie zaghaft. Ihre Lippen zittern, ihre Augen sind glasig, in ihrem Blick liegt Furcht, aber auch Hoffnung. Denn Carola Schnellen sitzt neben ihr und hält ihre Hand. Die 83-Jährige kümmert sich um Menschen, die seit Wochen im Sterben liegen. Sie hört zu, sie hilft, letzte Wünsche zu erfüllen, trocken gewordene Lippen zu befeuchten, liest aus Büchern vor oder ist einfach nur da. Carola Schnellen ist Sterbebegleiterin.

100.000 Menschen bundesweit setzen sich ehren- und hauptamtlich für ein würdevolles Sterben ein. Die Zahl der Hospize und Palliativeinrichtungen ist seit den 80er Jahren von einigen Dutzend auf mehr als 1000 gestiegen, wie der deutsche Hospiz- und Palliativverband mitteilte. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der psychosozialen Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen sowie ihrer Angehörigen.

"Manchmal Jahre mit Sterbenden verbracht"

"Ich habe sehr viele Menschen in den Tod begleitet. Muslime, Christen, Atheisten. Junge und Alte. Manchmal habe ich nur wenige Tage mit dem Sterbenden verbracht, manchmal waren es Jahre", berichtet Schnellen und ergänzt: "Aber vielen konnte ich die Angst vor dem Tod nehmen - weil wir über die Furcht gesprochen haben." Was braucht der Mensch im Angesicht des Todes? Schnellen sucht nach Antworten auf diese Frage. Die ehemalige Hauswirtschaftslehrerin engagiert sich seit 1998 bei der Hospizbewegung in Dormagen. Für die Sterbenden gehört sie zu den letzten Menschen, die sie kennenlernen. Oft sei es eine kurze Begegnung, aber immer eine intensive. "In den letzten Tagen und Stunden ziehen Menschen Bilanz, stellen sich existenzielle Fragen: Wie war mein Leben? Wo gehe ich hin? Die meisten wollen reden, fragen, hören", berichtet Schnellen. Eine 70 Stunden umfassende Ausbildung, in der sie über Krankheitsbilder sowie Sterbephasen aufgeklärt und geschult wurde, hilft ihr bei ihrer Mission.

Sterbehilfe als Notausgang? FOTO: dpa, Oliver Berg

Ein Teil der Ausbildung liegt in den Händen von Andrea Pyttlik – wie die Koordination der 42 Frauen und vier Männer, die für den Dormagener Verein ehrenamtlich arbeiten. "Die Teilnehmer setzen sich intensiv mit ihrer Geschichte auseinander. Es soll darum gehen, Erfahrungen mit Sterben, Tod, Abschied und Verlust zu reflektieren", sagt Pyttlik. Wer andere begleiten will, müsse sich selbst gut kennen - sonst könnten eigene Gefühle mit denen der Betroffenen vermischt werden. "Der Tod darf kein Tabuthema sein. Zuhören, unterstützen und Sorgen und Ängste der Angehörigen verstehen – das sind unsere wichtigsten Aufgaben."

Die Nachfrage nach Sterbebegleitung nimmt zu – vor allem, weil traditionelle Familienstrukturen auseinanderbrechen. Das Statistische Bundesamt registrierte 2012 rund 5,5 Millionen Alleinlebende über 65. Nach einer Erhebung der FH Münster ist unter den jährlich 13.000 Menschen, die sich in Deutschland das Leben nehmen, jeder Dritte älter als 65; die Suizidrate in dieser Altersgruppe habe in den vergangenen 25 Jahren um 14 Prozent zugenommen. Der Hauptgrund sei Einsamkeit. Doch was tun, wenn ein schwerkranker Mensch nicht mehr leben will? Darf man ihm beim Sterben helfen?

"Nein", sagt Christel Rottländer, seit 2005 ehrenamtliche Sterbegleiterin beim Dormagener Hospizverein. "Ein würdiger Tod gehört zum Leben dazu", erklärt die 64-Jährige. Die Sorge, dass sich alte oder einsame Menschen in der Gesellschaft nicht mehr wohlfühlten und Angst hätten, Angehörigen zur Last zu fallen, dürfe nicht mit Beihilfe zum Suizid beantwortet werden. Die Debatte um Leben und Tod, die seit dieser Woche im Bundestag geführt wird, kann die ehrenamtliche Sterbebegleiterin nicht verstehen: "In den letzten Stunden brauchen viele Empathie - und keinen Suizid auf Bestellung."

Aufsehenerregende Sterbehilfe-Fälle FOTO: AFP

Nicht nur die Nachfrage nach Sterbebegleitung ist hoch – unter den Deutschen ist auch der Wunsch verbreitet, das Lebensende selbst zu bestimmen. Einer Allensbach-Umfrage zufolge sprechen sich 67 Prozent für aktive Sterbehilfe aus. Nach der geltenden Rechtslage in Deutschland ist ein solches Töten auf Verlangen aber verboten. Nicht geregelt ist der assistierte Suizid. Wenn also ein Arzt oder ein Verwandter einen Sterbewilligen dabei unterstützt, dass er sich selbst töten kann, dann wird dies von den Behörden nicht strafrechtlich verfolgt. In vielen Bundesländern verbieten die Ärztekammern ihren Mitgliedern jedoch, Patienten beim Suizid zu helfen. Diese Regelung führte dazu, dass sich Organisationen darauf spezialisierten, den assistierten Suizid anzubieten, manche sogar gegen Geld.

Der Bundestag will nun klare Regeln schaffen. Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) ist für einen straffreien ärztlich assistierten Suizid "in unerträglichen Situationen am Lebensende". Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bezeichnet diese Einstellung hingegen als "Versündigung an der Wertschätzung des Lebens". Er will Sterbehilfe gänzlich verbieten. Winfried Hardinghaus, kommissarischer Vorsitzender des DHPV, sagt: "Die Hospizbewegung bejaht das Leben und setzt sich für eine Verbesserung und Erhaltung der Lebensqualität von schwerkranken und sterbenden Menschen ein. Dies schließt Tötung auf Verlangen und Beihilfe zur Selbsttötung aus."

Dramatischer Mangel an Pflegekräften

Die Debatte um würdiges Sterben und mehr Finanzmittel der Sozialkassen drängt sich auf. Während das medizinische Niveau gut ist, herrscht ein dramatischer Mangel an Pflegekräften. Bis 2030 fehlen laut Statistischem Bundesamt rund 152.000 ausgebildete Pfleger und Helfer. Das entspricht etwa 112.000 Vollzeitstellen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

Auch deshalb ist der Einsatz von Christel Rottländer und Carola Schnellen so wichtig – weil sie Menschen dazu ermuntern, weiterzuleben.

Quelle: RP
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