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Hipster-Dämmerung
Gott, Berlin, bist du anstrengend geworden!

Berlin: Abgesang auf die ehemalige Hipster-Hauptstadt
Ganz oben, neben der Spitze des Fernsehturms, sehen Sie die verbliebene Coolness unserer Hauptstadt. FOTO: dpa
Berlin. Hey, Hipster! Krempelt die Hose runter und stellt den Mate-Tee weg. Gönnt der Hauptstadt eine Pause. Jede Second-Hand-Klamotte ist zum dritten Mal getragen, jede Eckkneipe wiederentdeckt. Ein Abgesang. Von Henning Rasche

Ein Supermarkt in Mitte. Vor den Heidelbeeren kreuzen sich die Blicke ein erstes Mal. Zaghaftes Lächeln, kurzes verwirrtes Verharren vor dem Bio-Rucola. Die Frau mit dem blonden Haar, aus dem sie mit nur einer Strähne einen Zopf gebunden hat, huscht weiter. An ihren Füßen ein Paar bunte Turnschuhe, die dunkle Jeans bis über die Knöchel hochgekrempelt, Schlitze an den Knien. Toll sieht sie aus, die Frau, na klar.

Dieser Supermarkt in Berlin-Mitte ist zwar ein Supermarkt wie jeder andere, aber er wird durch seine bloße Existenz an diesem Ort zur Rarität. Schließlich gibt es in diesem Stadtteil so unendlich viele Cafés, die "High End Coffee" anbieten, so viele Restaurants mit hausgemachten Fair-Trade-Bio-Falafel-Bällchen und entgiftenden Detox-Säften, dass man so etwas Banales wie einen Supermarkt, in dem es Dosenravioli gibt, als echter Mitter nun wirklich nicht braucht.

Wiedersehen mit der tollen blonden Frau. Sie steht vor dem High-End-Müsli, man selbst vor den Fertigtüten. Fix für Tomaten-Bolognese, ein echter Hit übrigens. Die Blicke kreuzen sich ein zweites Mal, wieder Lächeln. Dann, die Fertigtüten in der Hand, trägt die Hipster-Frau das Entsetzen im Gesicht. Ernsthaft? Fix für Tomaten-Bolognese? Wie kann man sein Leben nur so wegschmeißen?, fragt sie in einem Drei-Sekunden-Blick.

Jeder konnte und durfte nach seiner Facon selig werden; damals

Weg ist das Leben auch nach dem Verzehr zum Glück nicht, nur die blonde Frau. Und das ist okay. Gott, Berlin, bist Du anstrengend geworden. Früher, als sehr vieles auch schlechter war, war die Hauptstadt das Versprechen maximaler Freiheit. Wer die Kontrolle über sein Leben verloren hatte, und zwar nicht bloß, weil er etwa eine Jogginghose trug, durfte das nirgendwo so sehr wie in Berlin. Jeder konnte, durfte und wollte nach seiner Facon selig werden. Aber dann kamen diejenigen, die man Hipster nennt. Und jetzt ist es vorbei.

Eigentlich war ein Hipster mal jemand, der der Zeit voraus war. Einer, an dem sich die ganzen Mitläufer orientierten. Aber jetzt sind wir alle Hipster, tragen Turnschuhe, trinken Mate-Tee und krempeln unsere Hosen hoch. In Berlin führen die Hipster strenges Regiment. Sie haben ein Gesinnungsdiktat eingeführt, still, heimlich, und vermutlich sogar ohne böse Absicht. Wer sich ihm allerdings nicht unterwirft, ist uncool, ein Außenseiter in Gangsta's Paradise. Es ist das Ende des Freiheits-Verdikts.

Auf den Straßen in Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain und im Wedding, natürlich auch und gerade in Mitte, oder noch schlimmer: Prenzlauer Berg, sehen die Leute immer genau so aus, als hätten sie die vergangenen Monate mit nichts anderem verbracht, als sich auf diesen einen Moment vorzubereiten, in dem sie einem begegnen. Sie haben die Haare exakt in der Weise drapiert, dass sie gerade diesen Hauch Unperfektheit versprühen, den man braucht, um als lässig zu gelten. Wenn einem selbst dann die Hose nicht ganz so ideal sitzt, das T-Shirt doch mehr spannt als erhofft, die Schuhe nicht zum Gürtel oder die Socken nicht zum Pulli passen, dann ist man all das halt nicht: Lässig, cool und so etwas.

Berlin, das war ein Paradies für Hipster. Unendliche Weite, so viel verdorbener, rotziger Raum und Platz, so viele Eckkneipen, die man erobern konnte. So viele Buden, die Bier rund um die Uhr verkaufen, und dadurch zum Kult werden, weil sie Späti heißen. So viele Schnellimbisse, die zu durchgestylten Burgerläden umgewandelt wurden. Und so viele Flohmärkte, die Second-Hand-Teile ohne Limit anboten.

Die neue Währung ist Aussehen, Oberfläche

Jetzt ist jeder noch so entlegene Winkel von den Hipstern erobert, jedes Second-Hand-Teil schon mindestens ein drittes Mal getragen. Da kommt jetzt nichts mehr. Wochenende für Wochenende werden die Berliner Clubs von Briten, Holländern und Provinzdeutschen erobert. Das Hipster-Lebensgefühl lässt sich für ein paar Euro mit Fernbus und Achterzimmer im Hostel locker einkaufen. Berlin ist unglaublich billig, deswegen kommen alle. Eifern diesen Post-Hipstern nach. Und betonieren dadurch das neue Establishment.

Es ist unmöglich geworden, in Berlin in ein Café zu gehen, eine Tasse Kaffee zu bestellen und dann in Ruhe gelassen zu werden, um etwa ein Buch zu lesen. Immer stellt einer eine Nachfrage, ob es denn die mittlere Röstung der Bohnen aus Papua-Neuguinea sein darf, oder noch ein Tröpfchen Milch in den heißen Chai-Latte gewünscht sei. Sein Stückchen Kuchen, das man stundenlang suchen muss, hat man gefälligst selbst durch die engen Reihen von Flohmarkt-Stühlen zu balancieren. Der Kunde ist König? Aber nein. Und schon gar nicht in Berlin. Hier ist es schick, ein unbequemes Leben zu führen, das sich an den Regeln des brutalen Sozial-Kapitalismus orientiert. Aussehen und Oberfläche als Währung.

Was Berlin nun dringend braucht, ist eine Pause. Diese wirklich wunderschöne Stadt hat es verdient, mal für eine gewisse Zeit in Ruhe gelassen zu werden. Sie braucht gerade niemanden mehr, der sagt, wie hip die Hauptstadt nun ist, welcher abgeranzte Club angesagt und welcher Platz wirklich vollkommen out ist. Wir könnten diese Zeit nutzen, um zu erleben, dass es auch in anderen deutschen Städten Kaffee gibt, guten Döner, Clubs oder Theater. Dass auch in Ingolstadt und Duisburg Mate am Kiosk verkauft wird und sogar Naturradler. Dass auch an anderen Flüssen als der Spree ein Picknick herrlich sein kann oder, dass der Metzger um die Ecke die beste Frikadelle macht.

Berlin ist nicht mehr der Vorreiter. Die Stadt ist endlich out. Sie muss in sich gehen, sich neu erfinden, wie sie es schon so oft geschafft hat. Dann kommen wir wieder und freuen uns, dass uns niemand mehr verachtet, weil wir unsere Bolognese mit Fertigtüten kochen. Wir wagen uns wieder an Experimente und stellen schließlich vielleicht fest, dass es besseres gibt als hochgekrempelte Jeans und Sweater aus den 90s. Nämlich: Dass maximale Freiheit auch die Freiheit zum Normalsein umfasst. Und sich Individualität nicht bei der Anzahl der Löcher in der Hose erschöpft.

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