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Ex-Krupp-Chef spricht erstmals: Berthold Beitz rettete 1500 Juden

zuletzt aktualisiert: 02.02.2008 - 13:48

München (RPO). Erstmals hat der frühere Chef des Krupp-Konzerns, Berthold Beitz, über seine Rettungsaktionen für Juden im Zweiten Weltkrieg gesprochen. Er bracht damit nach 67 Jahren sein Schweigen. Beitz rettete zwischen 1942 und 1944 mindestens 1500 Juden.

Berthold Beitz (95), Stiftungschef und "Übervater" von ThyssenKrupp, hat zwischen Management und Arbeitnehmern geschlichtet  Foto: ddp
Berthold Beitz (95), Stiftungschef und "Übervater" von ThyssenKrupp, hat zwischen Management und Arbeitnehmern geschlichtet Foto: ddp

In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sprach der mittlerweile 94-jährige Beitz über seine Taten, Motive und Erkenntnisse. Sein bisheriges Schweigen erklärte er so: "Warum hätte ich über die Zeit in Polen reden sollen? Um mich selber zu belobigen?"

Beitz wurde vielfach für seinen humanitären Einsatz ausgezeichnet. 1973 erklärte ihn die israelische Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem zum "Gerechten unter den Völkern". Im Lauf dieses Jahres soll auch seine Frau Else Beitz diesen Ehrentitel erhalten, wie die Zeitung schreibt. Sie war damals seine einzige Helferin und Vertraute. Sie versteckte nach seinen Angaben Kinder verfolgter Juden in ihrem Haus.

Berthold Beitz holte von 1942 bis 1944 mindestens 1500 Juden aus Deportationszügen und half den Opfern auch auf andere Weise. Damals war er kaufmännischer Leiter der Karpaten-Öl AG und damit verantwortlich für die Ölfelder südlich von Lemberg. Er gab die Juden als unabkömmliche Arbeitskräfte aus.

"Ich stand im November 1942 auf dem Bahnhof in Boryslaw, da waren diese Waggons voller Menschen, die Fenster vergittert mit Draht, und es rief jemand immerzu 'Herr Direktor, Herr Direktor!'", sagte Beitz der "Süddeutschen Zeitung". "Ich bestand darauf, dass der Waggon geöffnet wurde, und sah eine meiner Mitarbeiterinnen vor mir, eine junge Jüdin aus Berlin." Er habe sie und ihre Mutter aus dem Zug geholt, aber ein SS-Mann habe die Mutter zurückgeschickt und erklärt, sie sei viel zu alt zur Arbeit. "Da sah das Mädchen mich an, ganz ruhig, Anfang 20, ohne Bewegung beinahe, große dunkle braune Augen, und fragte: 'Ist es erlaubt, Herr Direktor, dann gehe ich auch zurück'." Beitz sagte: "Das werde ich nie vergessen."

Er sei mehrfach angezeigt worden und sei auch einmal ins Gefängnis nach Breslau gekommen, berichtete der 94-Jährige. Der Vernehmungsbeamte der Gestapo sei ein früherer Freund von ihm gewesen. "Er ließ mich dann gehen. Nur deshalb lebe ich wahrscheinlich noch." Angst habe er nicht gehabt. "Wenn ich Angst gehabt hätte, wäre mir das gar nicht gelungen", meinte Beitz. Sein festes Auftreten habe ihm im Umgang mit der SS sehr geholfen. "Die waren überzeugt, ich hätte beste Verbindungen nach Berlin." Beitz sagte: "Ich kenne die Deutschen. Wenn man fest, klar und bestimmt auftritt, dann respektieren sie das. Wenn man weich ist oder verzweifelt, bringen sie einen um."

"Wie Raubtiere"

Beitz berichtete über ein weiteres einschneidendes Erlebnis: "Ich habe gesehen, wie auf einem Brett über einer Grube eine nackte Frau mit ihrem Kind im Arm stand und dann erschossen wurde, dass in der Grube Leichen lagen, Kopf an Kopf, und in der Grube Juden lagen, die man gezwungen hatte, die Leichen so hinzulegen, und dass diese Menschen hofften, auf diese Weise ihrem Schicksal zu entgehen." Der 94-Jährige sagte, er wisse nicht, was die SS-Männer und Polizisten zu Mördern hat werden lassen. "Ich fürchte, wenn man die Menschen loslässt, sind nicht wenige wie Raubtiere", sagte er.

Beitz hat der "Süddeutschen Zeitung" eine Reihe von persönlichen Briefen überlassen, in denen Überlebende über Verfolgung und Rettung berichten. Nach dem Krieg wurde er mit dem höchsten polnischen Zivilorden ausgezeichnet. 1997 erhielt das Ehepaar Beitz die Josef-Neuberger-Medaille für Verdienste um die jüdische Gemeinschaft und 2000 den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Quelle: ap

 
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