Tänzer auf Stadtteilfest: Bestürzung nach Übergriff auf jüdische Gruppe
zuletzt aktualisiert: 24.06.2010 - 22:10Hannover (RPO). Tatjana Toporik wirkte am Donnerstag noch immer sehr mitgenommen. Sie ist eine aus der jüdischen Tanzgruppe, die am vergangenen Samstag in Hannover bei einem Auftritt von muslimischen Jugendlichen attackiert worden war. "Natürlich bin ich schockiert und enttäuscht, so etwas haben wir nicht erwartet", sagte sie.
Die Gruppe bestehe seit acht Jahren und sei bereits bei Festen in Hannover, Hildesheim und Hamburg aufgetreten. Ein Vorfall wie in Hannovers Stadtteil Sahlkamp habe es noch nie gegeben. "Wir werden aber auch in Zukunft wieder auftreten und unsere Offenheit bewahren", sagte Toporik.
Bei dem Stadtteil-Fest waren Tänzerinnen der Gruppe mit Kieselsteinen beworfen worden, es fielen antijüdische Parolen. Inzwischen ermittelte die Polizei sechs Tatverdächtige. Dabei handelt es sich um Kinder und Jugendliche mit arabischem Migrationshintergrund im Alter zwischen 9 und 19 Jahren. Gegen sie werde wegen Volksverhetzung und gefährlicher Körperverletzung ermittelt, sagte ein Polizeisprecher.
Der Vorfall bewegt auch Anwohner in Sahlkamp, wo sich der Vorfall ereignete. Er könne nicht verstehen, warum die Tanzgruppe überhaupt dort aufgetreten sei, sagte der 19-jährige Iraker Bezad. Das sei zu erwarten gewesen. "Juden werden hier immer wieder beleidigt", sagte er. Es habe sich wahrscheinlich um eine geplante Aktion gehandelt. "Es gibt hier viele Araber, die nur auf so etwas warten."
Die 28-jährige Nara zeigte sich schockiert. "Unser kleines Kind soll hier nicht in den Kindergarten gehen", sagte die Aserbaidschanerin. Anfeindungen unter Kindern verschiedener Herkunft seien an der Tagesordnung. "Wie in einem Getto ist das hier, voller Konflikte."
Politiker verurteilen Vorfall
Derweil verurteilten Politiker sowie Vertreter jüdischer und muslimischer Vereinigungen den Vorfall. Ein solcher Gewaltausbruch "widerspricht fundamental dem Gedanken der Integration in unserem Land", sagte Niedersachsens Integrationsministerin Aygül Özkan (CDU). Toleranz sei ein "hohes Gut unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung". Daran habe sich jeder in diesem Land zu halten, ganz unabhängig von Religionszugehörigkeit, Herkunft und politischem Standpunkt.
Innenminister Uwe Schünemann (CDU) kündigte eine entschlossene Aufarbeitung des Falls an. Antisemitische Tendenzen unter muslimischen Jugendlichen in Niedersachsen seien als Problem erkannt, sagte er. Muslime dürften aber nicht in ihrer Gesamtheit unter Antisemitismusverdacht gestellt werden. Am kommenden Montag wolle er sich mit dem Vorsitzenden des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Niedersachsens, Michael Fürst, zu einem Gespräch treffen, sagte Schünemann.
Es bestehe dringender Handlungsbedarf, um derartige Vorfälle künftig zu verhindern, sagte Fürst. Die antisemitischen Vorurteile unter Muslimen seien "tatsächlich eine Gefahr". Einen solchen Fall wie jetzt in Hannover habe es bundesweit noch nicht gegeben. Den muslimischen Organisationen in Deutschland warf er vor, zu wenig gegen derartige Dinge zu unternehmen.
"Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilt die feige Tat aufs Schärfste", sagte Generalsekretär Aiman Mazyek. Er warnte jedoch davor, den Vorfall zu verallgemeinern oder gar "politisch oder religiös aufzuladen". Die allermeisten Muslime wüssten, dass Hass, Antisemitismus und Rassismus im Islam keinen Platz hätten.
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