Nach sexuellem Missbrauch in Feriencamp: Betreuer weisen Vorwürfe zurück
zuletzt aktualisiert: 24.07.2010 - 11:25Osnabrück (RPO). Nach den sexuellen Übergriffen in einem Feriencamp des Sportbunds Osnabrück weisen die Betreuer des Camps den Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung zurück. "Wir hatten keine Ahnung, dass so etwas passiert ist", sagte ein Betreuer in einem Interview. Unterdessen hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder Konsequenzen aus dem jüngsten Missbrauchsfall gefordert.
Das Aufsichtspersonal habe von den Jugendlichen ein englisches Wort aufgeschnappt, das für die Sexpraktiken mit Gegenständen steht, und die Bedeutung dieses Begriffes dann im Internet erfahren. In einer Ansprache sei allen Kindern und Jugendlichen dann klargemacht worden, dass solche Worte nicht mehr fallen dürften. Hilferufe von Kindern wegen sexueller Übergriffe habe es aber gegenüber keinem der Hausbetreuer gegeben.
Eine 13-jährige Teilnehmerin des Camps sagte hingegen gegenüber der "Neuen Osnabrücker Zeitung", dass sowohl Täter als auch Opfer mehrfach über die Vergewaltigungen berichtet und zum Teil sogar damit geprahlt hätten. Auch das Aufsichtspersonal habe davon Kenntnis gehabt, sagte das Mädchen.
Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat Konsequenzen aus dem jüngsten Missbrauchsfall bei einer Jugendfreizeit auf der Insel Ameland gefordert. Im Gespräch mit "Bild am Sonntag" plädierte die CDU-Politikerin für verbindliche Standards bei Jugendeinrichtungen. "Mein Ziel ist es, dass sich alle Einrichtungen, die mit Minderjährigen arbeiten, solche Standards zum Schutz von Kindern geben", wird Schröder zitiert.
Ministerin Schröder sagte weiter: "Wir brauchen ein schützendes Dach - auch dort, wo Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verbringen." Schützen könnten verbindliche Standards für Organisationen und Einrichtungen, die mit Kindern arbeiten. Dazu gehöre zum Beispiel die regelmäßige Schulung aller Betreuer.
"Überall, wo Kinder sind, muss klar sein: Wir schauen hin - und wir wissen, was zu tun ist, wenn es einen Verdacht auf sexuelle Gewalt gibt. Und jede Mutter, jeder Vater soll wissen: Hier ist mein Kind gut aufgehoben!", wird Schröder zitiert. Im konkreten Fall von Ameland mahnte die Ministerin schnelle Hilfe für die Opfer und vollständige Aufklärung an. "Jetzt geht es darum, den Opfern zu helfen, die Sachverhalte schnell aufzuklären und die Täter zu ermitteln", sagte Schröder.
In dem Jungen-Schlafsaal des Ferienlagers auf der niederländischen Insel Ameland waren Anfang Juli sechs bis acht 13-jährige Jungen mit Gegenständen, unter anderem Colaflaschen und Besenstielen, sexuell missbraucht worden. Bei den mutmaßlichen Tätern handelt es sich um möglicherweise bis zu 13 Kinder und Jugendliche im Alter von 13 bis 16 Jahren. Drei der Verdächtigen haben die Tat bereits gestanden.
Aufklärung schwierig
Die Aufklärung der sexuellen Übergriffe gestaltet sich offenbar schwierig. Wegen des großen Medieninteresses hätten Eltern die Termine zur Vernehmung ihrer Kinder bereits abgesagt, sagte der Osnabrücker Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer am Freitag. In einem Fall habe ein Vater befürchtet, dass Journalisten seinem Sohn auf dem Weg zur Vernehmung auflauern. Unterdessen hat der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) den Opfern der Übergriffe Hilfen zugesagt.
"Wir werden die Opfer dieser schrecklichen Taten bei ihrer Rückkehr in den Schulalltag bestmöglich unterstützen", sagte Althusmann am Freitag in Hannover. Zudem soll geprüft werden, wie die betroffenen Schulen mit den minderjährigen Tätern umgehen. Darüber hinaus wird im Kultusministerium gerade geprüft, ob die bestehenden Programme zur Gewaltprävention angepasst oder erweitert werden müssen.
13 Verdächtige und drei Geständnisse
Nach Angaben von Retemeyer sind "fast alle" Kinder und Jugendliche zu den Vorfällen vernommen worden. Genauere Zahlen wollte er nicht nennen. Bisher gebe es weiterhin 13 Tatverdächtige, drei Jugendliche haben ein Geständnis abgelegt. Sie haben im Wesentlichen zugegeben, die 13-Jährigen mit Gegenständen, unter anderem Colaflaschen und Besenstielen, sexuell missbraucht zu haben. In den kommenden Wochen sollen auch die Betreuer befragt werden. Ihnen wird vorgeworfen, nicht auf die Fälle von sexuellem Missbrauch reagiert zu haben.
Wegen dieser Vorwürfe könnte auf den Veranstalter, den Stadtsportbund Osnabrück, eine Schadensersatzklage zukommen. Nach einem Bericht der "Osnabrücker Zeitung" schließt die Mutter eines Teilnehmers rechtliche Schritte gegen den Stadtsportbund sowie eine Schadensersatzklage nicht aus. Der Vorsitzende des Stadtsportbundes, Wolfgang Wellmann, sagte, sein Verband habe sich bereits rechtlich beraten lassen.
Schwere Vorwürfe gegen die Betreuer erhob auch der Leiter des Ferienlager-Vereins Kiez, Werner Bauske. "Wenn so etwas vorkommt, gibt es individuelle Fehler in der Betreuungsarbeit", sagte er.
Noch ungeklärt ist unterdessen, ob sich einige der jugendlichen Täter tatsächlich im Internet mit ihren Taten gebrüstet haben. Retemeyer sagte, das sei ihm nicht bekannt. Wenn sich das allerdings als wahr erweise und es zu einer Anklage komme, könnte sich dieses Verhalten für die Jugendlichen negativ auswirken.
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