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Was Soldaten in ihren Briefen an die Heimat schreiben: Bewegende Feldpost aus Afghanistan

VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 24.12.2009 - 10:38

Düsseldorf (RP). Schwer zu sagen, was in Afghanistan wirklich vor sich geht. Schwer – aber nicht unmöglich. Auf die richtigen Stimmen muss man hören. Sicher nicht auf Politiker, die sich um das K-Wort herumlavieren, maximal von "kriegsähnlichen Zuständen" sprechen. Sondern auf die Soldaten, die Deutschland seit Jahren "am Hindukusch verteidigen", die die Grauzone zwischen Selbstverteidigung und Landesaufbau tagtäglich selbst erleben, die sich Stunde um Stunde die Frage stellen, ob sie sich nun eigentlich an einer Front befinden oder nicht.

In weihnachtlichen Feldpostbriefen aus Afghanistan schildern Bundeswehrsoldaten auf bedrückende Art und Weise ihr Innenleben.  Foto: ddp, ddp
In weihnachtlichen Feldpostbriefen aus Afghanistan schildern Bundeswehrsoldaten auf bedrückende Art und Weise ihr Innenleben. Foto: ddp, ddp

Die nachdenklichen, wütenden, verzweifelten und fröhlichen Worte aus Briefen in die Heimat hat die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Weihnachtsmagazin gesammelt – dessen Erscheinen die Bundeswehr zu verhindern versuchte. Denn sie vermitteln einen intensiven Eindruck von der Situation vor Ort, der weit über das hinausgeht, was ein dreiminütiger Zusammenschnitt in der "Tagesschau" leisten kann.

"Hier ist alles 100 Mal schlimmer, als es mir in meinen kühnsten Träumen erschien. (. . .) Von einem Wasserhahn träumen hier alle, von einer Dusche gar nicht zu reden." Oberstleutnant Bertram Hacker, 61, Kabul, 2002.

"Vielleicht würde mein bislang nicht existenter Therapeut sagen, ich verdrängte. Vielleicht bin ich auch einfach nur stumpf genug, vieles an mich gar nicht ranzulassen." Hauptfeldwebel Rolf Schmitz*, 27, Kundus, 2009.

"Ich lade mein Gewehr und spüre das Adrenalin. Ich bin perplex, dass ich weder Angst noch Panik verspüre. (. . .) Wie das hier wohl aussehen würde, wenn eine Rakete diese Halle träfe?" Oberstleutnant Boris Barschow, 42, Masar-i-Scharif, 2008.

"Dank des riesigen Nachschubs an zornigen jungen Männern aus den Koranschulen Pakistans (. . .) gehen uns die Gegner nicht aus. Vor allem im Süden und Osten herrscht in manchen Regionen Krieg, und wer das leugnet – wie Verteidigungsminister Jung, der neulich hier war (. . .) – redet sich die Umstände schön. Ich weiß nicht, ob dieser Krieg militärisch zu gewinnen ist." Stabsoffizier Hermann West*, 40, Kabul, 2008.

"Man braust etwas soldatisch-romantisch in der Panzerluke stehend durch das Land (. . .), schläft auf dem Panzerdeck und denkt unter einem unendlichen Sternenhimmel über diese Welt nach." Stabsarzt Christian Werner*, 38, Kabul, 2005.

"Wie alles bei der Bundeswehr hat sogar der Christbaum eine Versorgungsnummer (...). Und der Bundeswehrverband hat jedem Soldaten im Einsatz einen Schokonikolaus versprochen, die Einsatzbereitschaft des deutschen Heers ist somit sichergestellt." Stabsoffizier Hermann West, 40, Kabul, 2008.

"Afghanistan, hier stinkt's. (. . .) Überall Trümmer und Wracks von alten russischen Panzern, überall Ruinen, Einschusslöcher. Afghanistan, hier gibt es schon lange keinen Gott mehr." Hauptgefreiter Robert Klein*, 23, Kabul, 2007.

"Bei uns kommt der Weihnachtsmann mit der CH-53 angeflogen. (. . .) Minus 20 Grad und kälter haben wir nachts, das Mittel dagegen heißt: Glühwein, viel Glühwein." Hauptgefreiter Björn Uwe Schulz, 23, Kabul, 2006.

"Gestern lief durch die deutsche Presse, es wären vier Amerikaner bei Gefechten getötet worden. Die ebenfalls getöteten vier afghanischen Soldaten interessieren keinen. Sind aber auch Söhne von Müttern und Väter von Kindern." Hauptmann Marc Jötten*, 53, Kabul, 2004.

"Ich mache jetzt mit anderen Kräften einen neuen Auftrag, das ist bei Kundus! (. . .) Leider ist es dort, wo die anderen zwei Soldaten gefallen sind. Brauchst Dir aber keine Sorgen zu machen, ich pass gut auf mich auf!" Hauptgefreiter Tom Granz*, 19, Kundus, 2008.

* Namen geändert

Quelle: RP

 
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