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Nach der Bluttat in München
Diagnose Amok

Bluttat in München: Diagnose Amok
Ihre Namen stehen für Amokläufe in Deutschland: Robert S., Tim K. und nun Ali David S. FOTO: Schnettler
Düsseldorf. Amokläufer sind oft einsame Wölfe. Vor ihrer Tat sind sie verschlossen und unscheinbar. Doch Warnsignale können auf ihre Absichten hindeuten. Sie zu entdecken und korrekt zu deuten, rettet Leben. Von Susanne Hamann und Philipp Jacobs

Wenn Jugendliche sich eine Waffe besorgen und damit um sich feuern, ist die erste Frage meist: Wieso? Wieso erschießt ein junger Mensch andere Menschen? Die Last der Schuldgefühle erdrückt nach solchen Taten die Angehörigen und Freunde. Hätte ich etwas tun können? Hätte ich psychische oder soziale Probleme meines Kindes erkennen müssen? All diese Fragen münden in eine zentrale Frage: Kann man Amokläufe verhindern, bevor sie geschehen? Ja, man kann.

In den meisten Fällen, in denen eine Gefahr von psychisch Kranken ausging, Mediziner sprechen von "Fremdgefährdung", hatten die Präventionsmaßnahmen Erfolg. "Wir erfahren ja nicht von den verhinderten Amokläufen", sagte Kriminalpsychologe Rudolf Egg dem WDR. "Was in München geschehen ist, ist sozusagen ein Scheitern der Präventionsbemühungen. Aber an anderen Orten – davon bin ich fest überzeugt – gibt es auch problematische Personen, die man aber rechtzeitig erkannt und um die man sich dann gekümmert hat."

Täter soll sich wie in einem Computerspiel bewegt haben

Ali David S., der Attentäter von München, soll ebenfalls psychisch krank gewesen sein. Er soll soziale Phobien gehabt und unter Depressionen gelitten haben. Zwei Monate sei er deshalb in Behandlung gewesen, teilte die Münchener Staatsanwaltschaft mit. Unter Jugendlichen kommen Depressionen, Angstzustände und dergleichen nicht selten vor. Sie machen niemanden automatisch zum Mörder.

"Insbesondere bei Depressionen würde man das eher nicht vermuten, da depressive Menschen sich eher zurückziehen, als anderen etwas anzutun", erklärt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Psychiater in Krefeld. Anders könne das bei einer akuten Psychose sein, bei der Betroffene den Bezug zur Realität verlieren. Der Münchener Kriminaldirektor Hermann Utz sagte am Montag, Ali David S. habe sich bewegt wie in einem Computerspiel.

"Das Opfer entwickelt sich in der Selbstwahrnehmung zum Rächer"

Wenn Ermittler psychische Probleme mit einer Bluttat in Verbindung bringen, wird schnell auch die Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht gefordert. Mediziner wie Roth-Sackenheim sehen das kritisch. Zudem gibt es in drastischen Fällen ohnehin Ausnahmen: Ärzte können sich der Bundesärztekammer zufolge über ihre Schweigepflicht hinwegsetzen, wenn etwa "besonders schwere Verbrechen" verhindert werden sollen oder eine Gefahr für Leib und Leben besteht.

Aufmerksamkeit im privaten und vor allem im schulischen Umfeld sei oftmals die beste Präventionsmaßnahme gegen Amokläufe, sagen Mediziner und Psychologen. Im November 2009, acht Monate nach dem Amoklauf in Winnenden, startete die Freie Universität Berlin das Projekt "Network Against School Shootings" ("Netzwerk gegen Schul-Schießereien"). Die Idee des Projekts war es, Lehrer zu sensibilisieren, bei den Schülern auf bestimmte Signale zu achten. Signale, die auf eine mögliche Fremdgefährdung hindeuten. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von "Leaking" ("leckschlagen").

Zeichnungen in Schulheften oder indirekte Tatankündigungen in Chat-Verläufen können solche "Lecks" sein. "Das heißt, es fallen Sätze wie 'Die Welt wird schon noch sehen, was sie davon hat' oder 'Demnächst wird was Großes passieren, du wirst schon sehen'", sagt Nils Böckler, Diplom-Pädagoge und Mitarbeiter am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Auch das Äußerliche könne sich wandeln: "Das Opfer entwickelt sich in der Selbstwahrnehmung zum Rächer. Es kann sein, dass die Person plötzlich andere Kleidung trägt, um kämpferischer auszusehen." Mit der Wesensänderung ziehen sich die Jugendlichen aus ihrem gewohnten Umfeld zurück.

Viele Amokläufer hatten im Vorfeld Konflikte im sozialen Beziehungsnetz

In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekt mit dem Namen "Target" kamen Forscher vor zwei Jahren zu der Erkenntnis, dass neun von zehn jungen Amokläufern im Vorfeld Probleme und Konflikte im sozialen Beziehungsnetz hatten, 85 Prozent erlebten soziale Ausgrenzung. Für das Projekt wurden erstmals 37 Studien mit insgesamt 126 Taten in 13 Ländern systematisch untersucht.

Insbesondere wenn Amokläufer eine Rächer-Identität annähmen, gehe es oft nicht darum, Bekannte zum Opfer zu machen, sondern darum, sich an der Gesellschaft zu rächen, sagt Böckler, der auch im Projektverbund "Target" mitforschte. "Genau das war in München der Fall. Deswegen ist es sehr naheliegend, dass es sich um eine Art örtlich verschobenes 'School Shooting' handelt. Gerade weil sich der Täter offensichtlich stark mit Winnenden beschäftigt hat."

Quelle: RP
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