| 22.10 Uhr

Mehr als beschädigte Fassaden
Ermittlungen zu Anschlägen auf Asylheim in Böhlen dauern an

Böhlen sucht nach Angriff auf Asylbewerberheim nach Hintergründen
FOTO: dpa, woi msc
Leipzig. Immer noch tappt die Polizeizentrale für Extremismusbekämpfung im Dunkeln, wer die zwei Anschläge auf die bewohnte Asylunterkunft in Böhlen verübt hat. Derweil geht für Flüchtlinge und Bürger vor Ort der Alltag weiter.

Ein knappes Dutzend junge Männer sitzen auf weißen Plastikstühlen vor dem zwei Sterne Apart-Hotel. Sie blinzeln in die Sonne, spielen Karten, trinken Milch. Die Männer kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak - und hoffen auf Asyl in Deutschland.

Die Szene wirkt friedlich, die Männer sind entspannt. Doch am Wochenende wurden in zwei aufeinander folgenden Nächten Anschläge auf ihre temporäre Unterkunft im sächsischen Böhlen verübt. Das für Extremismus zuständige Operative Abwehrzentrum der Polizei (OAZ) ermittelt "auf Hochtouren", wie die Oberstaatsanwaltschaft Leipzig wissen ließ. Eine heiße Spur gibt es aber offenbar noch nicht.

Erste Berichte über Schüsse erweisen sich als falsch

Zeugen hatten Schussgeräusche gehört und die Polizei alarmiert. Wie sich herausstellte, beschädigten Unbekannte von außen mehrere Teile der Fassadenverkleidung und ein Zimmerfenster im vierten Stock. Von den aktuell knapp 140 Bewohnern des Heims wurde niemand verletzt.

Laut Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz kamen "keine Schusswaffen und keine scharfe Munition" zum Einsatz: "Soweit zunächst von Schüssen die Rede war, handelte es sich offensichtlich um die durch Zeugen wahrgenommenen Geräusche, die bei der Beschädigung der Fassade entstanden sind."

Vier Tage nach den Anschlägen äußerte sich erstmals Sachsens Landesregierung zu den die Anschlägen. "Auch wenn die Ermittlungen noch laufen, ist eines klar: Der Angriff auf die Asylbewerberunterkunft ist unerträglich, denn er richtete sich gegen Menschen, die unseren Schutz brauchen", sagte der Chef der Staatskanzlei, Minister Fritz Jaeckel (CDU). Er kündigte an, mit strafrechtlichen Mitteln "unnachgiebig gegen die Täter" vorzugehen.

Viele Spenden und Angebote von den Bürgern

Böhlens Bürgermeisterin Maria Gangloff (Linke) zeigte sich überrascht von den ausländerfeindlichen Übergriffen: "Wir hatten in dem vergangenen halben Jahr, in dem das Haus Erstaufnahmeeinrichtung ist, keine nennenswerten Probleme." Die Lärmproblematik sei erledigt.

"Einige Böhlener schauen vielleicht etwas abweisend und schimpfen auch über die überlauten Gruppengespräche, aber es gab und gibt viele Spenden und Angebote beispielsweise Deutsch zu lehren", berichtet Gangloff.

Anfang des Jahres hatte Böhlen noch für Schlagzeilen gesorgt, als bekannt geworden war, dass Flüchtlinge ausgerechnet in jedem Apart-Hotel untergebracht werden sollten, das von dem früheren Parteifunktionär der Republikaner, Wolfgang Seifert, betrieben wird.

"Die Asylanten sind eigentlich immer ganz freundlich und grüßen"

"Der Vorfall macht sicher alle betroffen und verunsichert viele", sagt die Bürgermeisterin. In der Nachbarschaft des leicht heruntergekommenen Asylhotels zeigt man sich verwundert über die Vorfälle. "Die Asylanten sind eigentlich immer ganz freundlich und grüßen", berichtet eine Frau in der Kleiderkammer, kaum 200 Meter entfernt.

Die Asylbewerber gehören hier zum Hauptklientel. Ob das knapp 7.000-Seelen-Städtchen bei Leipzig jetzt schockiert sei? "Nein, ich glaube nicht. Aber ich wohne auch am Stadtrand, da bekommt man nicht so viel mit."

Auch unter den Asylbewerbern herrscht offenbar Gelassenheit. Nein, Angst hätten sie keine, sagen die Männer auf den Plastikstühlen vor dem Hotel. "Die Leute hier sind alle sehr freundlich zu uns", berichtet der Syrer Firas. Die anderen nicken. Plötzlich tönt ein vermeintlicher Schuss. Kurzes Aufschrecken, dann Gelächter: ein Kleinwagen mit kaputtem Auspuff parkt ein.

"Friendly fire", sagt einer grinsend. "Das, was in unserer Heimat passiert, ist viel schlimmer", sagt Firas. Der 36-Jährige streicht durch seinen weißen Bart. "Ich war in Syrien beim IS, dann bin ich über die Türkei hierher geflüchtet. Hier wird alles gut."

(KNA)
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